Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wahlkampf: Trotz Corona von Haustür zu Haustür

Ohne geht’s auch diesmal nicht: Wahlplakate an Hauptverkehrsstraßen.
Ohne geht’s auch diesmal nicht: Wahlplakate an Hauptverkehrsstraßen.

Noch neun Wochen bis zur Bundestagswahl – der Wahlkampf ist in diesem Jahr schwieriger als sonst, weil ihm Corona Grenzen setzt. Wie werben die Direktkandidaten im Wahlkreis Ludwigshafen/Frankenthal für sich? Was geben Sie dafür aus? Wer unterstützt Sie? Wo setzen sie inhaltliche Schwerpunkte? Ein Überblick.

Torbjörn Kartes (42, CDU)

„Auf Sicht fahren“ lautet die coronabedingte Devise beim „Titelverteidiger“ aus Ludwigshafen. Auf Infostände, etwa auf Wochenmärkten, und auf Haustürbesuche will er nicht verzichten. „Bei diesen Formaten im Freien lassen sich Abstände gut einhalten“, sagt der Jurist. Großveranstaltungen seien nicht geplant, „dafür aber andere, kreative Aktionen“. Ergänzend werde es eine Social-Media-Kampagne, Flyer und Plakate geben. „Ohne diese Elemente kommt auch heute kein Wahlkampf aus.“ Kartes’ Team besteht aus zehn Leuten, Promis hat er bereits an der Angel. „Aus der Bundespolitik haben Friedrich Merz und Julia Klöckner zugesagt“, so Kartes. Der heiße Wahlkampf beginnt für ihn Mitte August. Der zeitliche Aufwand sei enorm, aber seine Familie kenne das. „Wir müssen uns das gut einteilen, zumal meine Frau als Ärztin ebenfalls berufstätig und in die laufende Impfkampagne stark eingebunden ist.“ Finanziert werde der Wahlkampf durch die drei Kreisverbände, Spenden und einen Eigenbeitrag. Kartes’ Augenmerk gilt den Menschen im Wahlkreis. „Meine Hauptaufgabe ist es, ihnen zuzuhören und ihren Anliegen in Berlin Gehör zu verschaffen.“ Besonders für Pendler sei die Verkehrssituation ein zentrales Thema. Daneben hat er die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und den Ausbau der Kinderbetreuung im Blick. „Ein drittes Thema wird die Verbindung von Klimaschutz und Wirtschaftspolitik sein, um gestärkt aus der Krise zu kommen“, sagt der Vater zweier Kinder.

Christian Schreider (49, SPD)

Der Friesenheimer verknüpft klassischen mit digitalem Wahlkampf. „Als größte Facebookgruppe einer Partei im Wahlkreis setzen wir auf eine bestmögliche Reichweite im Netz – aber auch auf viele persönliche und coronakonforme Kontakte“, sagt der Jurist. „Es gibt zahlreiche Ortstermine, um den Menschen nah zu sein. Diese werden durch kleinere Formate ergänzt, wie ,Pizza und Politik’.“ Schreider zufolge werden 1200 Plakate gehängt und 20 Großwände gestellt. Hinzu komme eine Flyerverteilung. Eine zentrale Veranstaltung soll mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer stattfinden. Finanziert werde der Wahlkampf von den Parteiverbänden mit einer überschaubaren fünfstelligen Summe. Sein Kernteam bilden vier Ehrenamtliche, dazu komme eine größere Gruppe, die ergänzend helfe. Die heiße Wahlkampfphase beginnt für Schreider sechs Wochen vor dem Wahltag. „Dafür werde ich länger angesparten Urlaub nutzen. Ansonsten baue ich auf breite Unterstützung aus dem Familien-, Freundes- und Parteifreundeskreis.“ Seine drei Hauptthemen sind: „Eine gerechtere Gesellschaft – mit Fairness und Respekt für Alle. Eine soziale Verkehrs- und Energiepolitik – für eine finanzierbare Mobilität, mehr Klimaschutz und innovative Arbeitsplätze. Und eine bessere Digitalisierung – für Arbeit und Bürgerservice, mehr Gesundheitsschutz und eine gerechtere Bildung.“

Armin Grau (62, Grüne)

„Wir machen Veranstaltungen im Internet, je nach Pandemielage hybrid, werden Stände und Haustürwahlkampf unter Einhaltung der Corona-Regeln machen und eine Bürgersprechstunde einrichten“, informiert der Mediziner aus Altrip. „Die Plakate werden von den Kreisverbänden finanziert, und sie bestimmen, wie viele sie aufhängen werden“, erläutert der Vater von fünf Kindern. Jeder der drei Kreisverbände lege ein eigenes Wahlkampfbudget auf, aus dem Aktionen finanziert würden. „Der Direktkandidat hat kein eigenes Budget“, berichtet Grau. Sein Team rekrutiere sich aus sechs Mitgliedern der drei Kreisvorstände. „Landes- und Bundesvorstand unterstützen uns ganz kräftig mit Material und Informationen sowie mit organisatorischer Hilfe“, berichtet der Chefarzt der Neurologischen Klinik in Klinikum. Er hat drei Themenkomplexe im Fokus: Umwelt und Klima, Pflege und Gesundheit, Arbeit und Soziales. „Aktuell investiere ich meine komplette Freizeit in den Wahlkampf, ab Ende August werde ich 100 Prozent meiner verfügbaren Zeit im Wahlkampf verbringen. Meine Familie trägt das mit.“ Der heiße Wahlkampf beginnt für ihn am 9. August.

Stefan Scheil (57, AfD)

Ob der 26. September ein doppelter Grund zur Freude für den im Rhein-Pfalz-Kreis lebenden AfD-Bewerber wird, muss sich zeigen. Zumindest feiert Scheil dann 58. Geburtstag. Bis dahin will er die Menschen auf Infoständen, bei Rundfahrten, Haus-zu-Haus-Besuchen, mit Flyern, im Internet und über Social-Media-Kanäle von sich und seinen Vorstellungen überzeugen. „Wir werden 2000 Plakate aufhängen“, informiert der gebürtige Mannheimer. Unter dem Motto „#Deutschlandabernormal“ setzt er auf die Themen Bürgerrechte, EU- und Zuwanderungspolitik. „Ich halte unsere Partei für eine dringend notwendige Ergänzung der deutschen Altparteienlandschaft. Das Land steht vor der Frage, ob die Bundesrepublik als demokratisch verfasster Rechtsstaat eine Zukunft haben soll oder in einer bürokratisch-autoritär geführten EU aufgeht.“ In den Wahlkampf ist der freie Journalist und Buchautor bereits gestartet. Der Sprecher der AfD-Kreistagsfraktion geht beim finanziellen Aufwand von einem „niedrigen fünfstelligen Betrag“ aus. Bundes- und Landespartei sowie Freiwillige unterstützten ihn. „Ein Wahlkampf ist sehr zeitintensiv. Ich gehe davon aus, dass der Job jetzt zeitweise ruhen wird, was ich mir als Freiberufler einigermaßen einteilen kann“, sagt der Vater zweier Kinder.

Liborio Ciccarello (50, Linkspartei)

Der Psychologe und Stadtrat aus Ludwigshafen kündigt an: „Die Linke wird neben Infoständen dieses Jahr vermehrt Haustürwahlkampf betreiben und in Ludwigshafen 1600 Plakate platzieren.“ Die Ausgaben lägen im vierstelligen Bereich und würden überwiegend vom Kreisverband gestemmt. Ciccarellos Team besteht aus „30 aktiven Genossinnen und Genossen“. Konzentrieren will er sich auf folgende Themen: 1. Reichtum umverteilen – Vermögen besteuern, Ungleichheit bekämpfen. 2. Klimaschutz – sozial und gerecht, sowie 3. Arbeit – gute Arbeit, planbares Leben. Einen Schub erhofft sich Ciccarello von Landes- und Bundespartei, „die uns in diversen Bereichen unterstützen“. Etwa 15 Stunden pro Woche investiert er in den Wahlkampf. „Aufgrund meiner Teilselbstständigkeit als Psychotherapeut kann ich das gut mit Beruf und Familie vereinbaren. Hierzu trägt aber auch bei, dass der Wahlkampf zeitlich begrenzt ist und dass er mir Spaß macht.“ Für ihn hat der Wahlkampf direkt nach dem Bundesparteitag der Linken am 19. und 20. Juni begonnen.

Michael Goldschmidt (63, FDP)

Drei Personen und „aufgabenorientiert zusätzliche Hilfen“ bilden das Wahlkampfteam des Liberalen aus Limburgerhof. 360 Plakate hängt er im Wahlkreis auf und setzt auf einen Mix von digitalen Angeboten und klassischen Präsenzveranstaltungen – sofern die aktuelle Corona-Lage dies zulasse. Online-Diskussionsforen zwischen Politik und Wirtschaft, Nachrichten via Facebook und Instagram, Firmenbesuche, Infostände, Flyerverteilungen, Werbung über örtliche Amtsblätter und Printmedien sowie ein Imagefilm, bilden dabei Goldschmidts Gerüst. Rund 10.000 Euro beträgt das Budget, das von den drei Kreisverbänden sowie durch Sonderspenden von Mitgliedern finanziert werde. Seine drei Themenschwerpunkte sind digitale Transformation, starke Kommunen und soziale Marktwirtschaft. Unterstützt wird er von Abgeordneten aus Rheinland-Pfalz sowie vom Landesvorstand. Den Aufwand für den Wahlkampf gibt Goldschmidt mit 20 Stunden pro Woche an: „Meine vorher freien Abende sind nun gefüllt, Samstage, Urlaubstage gehen dafür drauf, der Beruf darf nicht leiden, weil die Ziele erreicht werden müssen“, sagt der Wirtschaftsinformatiker, der bei der BASF als IT-Prozessdesigner arbeitet. „Die Familie muss zurückstecken, aber nicht komplett“, meint der Vater eines Sohns. Die heiße Wahlkampfphase beginnt für ihn am 1. August.

Hans Arndt (64, Freie Wähler)

„Ein Superwahljahr in Corona-Zeiten ist für kleine Parteien eine Herausforderung“, sagt der Kraftwerksmeister aus der Gartenstadt. „Aber nach dem Einzug in den Landtag sind wir überzeugt, dass wir den Schwung in die Bundestagswahl mitnehmen. Mit kleinem Geldbeutel aber viel Erfahrung“, ergänzt Arndt, der auf eine Unterstützung durch die neue Kreisvereinigung der Freien Wähler baut. Denn 1200 Wahlplakate wollen auf die Straße gebracht, Flyer in die Briefkästen verteilt und Infostände aufgebaut werden. Ein Großteil des Wahlkampfs verlagere sich ins Netz. Arndts zentrale Forderungen sind: „Wer arbeitet, darf in Deutschland nicht der oder die Dumme sein.“ Industrie- und Klimapolitik müssten clever verknüpft, Investitionen in die Infrastruktur rasch umgesetzt werden. Kommunen müsse beim Abbau der Altschulden geholfen werden. Der Wahlkampf beginne immer früher wegen der vielen Briefwähler. Bei Arndt geht ein Großteil des Jahresurlaubs dafür drauf. Für ihr Verständnis bedankt er sich bei seiner Frau sowie bei „den BASF-Jungs“ seiner Schicht. Es sei wichtig, dass die Denkweisen der Arbeiter und des bürgerlichen Mittelstands im Bundestag vertreten seien. „Denn fast 90 Prozent Akademiker sind des Guten zu viel“, findet Arndt.

Zur Sache: Wahlkreis 207

Das Bundesgebiet ist in 299 Wahlkreise eingeteilt. Zum Wahlkreis 207 zählen die kreisfreien Städte Ludwigshafen und Frankenthal sowie aus dem Rhein-Pfalz-Kreis die verbandsfreien Gemeinden Bobenheim-Roxheim, Böhl-Iggelheim, Limburgerhof, Mutterstadt, die Verbandsgemeinden Dannstadt-Schauernheim, Lambsheim-Heßheim und Maxdorf sowie von der Verbandsgemeinde Rheinauen die Gemeinden Altrip und Neuhofen.

Bei der Wahl 2017 verteilten sich die Erststimmen folgendermaßen auf die Bewerber:

Torbjörn Kartes (CDU), 32,2 Prozent, 51.168 Simmen

Doris Barnett (SPD), 31,9 Prozent, 50.740 Stimmen

Marcus Künster (AfD),14,5 Prozent, 23.109 Stimmen

Thomas Schell (FDP), 7,5 Prozent, 11.910 Stimmen

Gerald Unger (Die Linke), 5,6 Prozent, 8979 Stimmen

Raik Dreher (Grüne), 5,5 Prozent, 8700 Stimmen

Hans Arndt (Freie Wähler), 2,6 Prozent, 4163 Stimmen

Madeleine Stockert (MLPD), 0,3 Prozent, 412 Stimmen

Wahlberechtigte: 215.595

Wahlbeteiligung: 75,1 Prozent.

In eigener Sache

Bei der Berichterstattung konzentriert sich die Redaktion auf die Bewerber der im Bundes- und Landtag vertretenen Parteien. Am 30. Juli gibt der Wahlausschuss bekannt, wie viele Kandidaten insgesamt zugelassen sind.

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