Ludwigshafen Wütende Mädchen
Um die Folgen von Wut und Gewalt geht es in „Ellbogen“. Fatma Aydemir lässt ihren Roman im Milieu jugendlicher Deutsch-Türken spielen. 2017 wurde er als bester Debütroman des Jahres mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet. Im Kulturzentrum Das Haus in Ludwigshafen hat Fatma Aydemir ihr Buch jetzt in der Reihe „Europa-Morgen-Land“ vorgestellt.
Hazal ist 17 Jahre alt, wohnt in Berlin bei ihren aus der Türkei eingewanderten Eltern. Sie lebt in den Tag hinein und auf ihren 18. Geburtstag hin, schreibt Bewerbungen und bekommt Absagen. Das Zusammenleben, besonders das mit der Mutter, ist konfliktgeladen. Eines Abends will Hazal mit zwei Freundinnen in einem Technoclub einen draufmachen, wird aber vom Türsteher abgewiesen. Die drei jungen Frauen sind angetrunken und wütend. Als ein Student in der U-Bahn rassistische und sexistische Bemerkungen macht, prügeln sie wie von Sinnen auf ihn ein und werfen ihn auf die Gleise, wo er überfahren wird. Vor der Polizei flieht Hazal in das ihr fremde Istanbul, wo sie bei einem Bekannten Unterschlupf findet. Das Ende lässt der Roman offen. Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren und lebt seit sechs Jahren in Berlin. In der Hauptstadt arbeitet sie als Redakteurin bei der „Tageszeitung“, schreibt dort regelmäßig die Kolumne „Minority Report“ und hat mit anderen das türkisch-deutsche Internet-Portal „taz-gazete“ gegründet, um unterdrückten türkischen Stimmen ein Forum freier Meinungsäußerung zu bieten. Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Anna-Katharina Gisbertz von der Universität Mannheim erzählte Fatma Aydemir, dass sie erst während ihres Germanistik- und Amerikanistik-Studiums in Frankfurt zur intensiven Leserin geworden sei. Als dann vor etlichen Jahren U-Bahn-Schläger in die Schlagzeilen gerückt seien, habe sie angefangen, sich Gedanken über den Zusammenhang von Gewalt und Migration zu machen. Daraus habe sich der Roman entwickelt. „Wut ist nicht der einzige Impuls in dem Roman“, betonte Fatma Aydemir. Auch seien Phänomene wie Fremdheit und Sexismus, die im Roman vorkämen, kein spezifisch türkisches Problem. Anlass für sie, den Roman zu schreiben, sei die Frage gewesen, was Gewalt sei, worauf sie aber keine endgültige Antwort gefunden habe. In der Offenheit ihres Buches sieht sie denn auch den Unterschied zwischen ihrem Schreiben als Journalistin und als Romanautorin. Ein Journalist müsse so präzise und anschaulich wie möglich schreiben und dürfe dem Leser keine offenen Fragen hinterlassen. Ein Roman dagegen, der denselben Anspruch erheben würde, „wäre wohl der schlechteste Roman der Welt“. Das heißt aber nicht, dass journalistische Elemente „Ellbogen“ völlig abgehen würden. Über weite Strecken muten jedenfalls die Passagen, die Fatma Aydemir im Haus vorgelesen hat, in ihrer minutiösen Beschreibung wie eine Zeitungsreportage an. Darüber hinaus zeichnen den Roman lebensnahe Dialoge im Jargon Jugendlicher aus sowie Plausibilität der Charaktere und der Handlung. Was „Ellbogen“ aber zu einem Roman macht, ist die Fiktion, das entscheidende Kennzeichen, das Journalismus und Romandichtung unterscheidet. Und Fiktion hat sich Fatma Aydemir erlaubt, als sie junge Frauen – und nicht Männer – zu U-Bahn-Schlägern gemacht hat. Ein solcher Fall ist in Wirklichkeit nämlich nicht bekannt.