Ludwigshafen Würdevolle Falten

Unsere Arbeit ist eine Arbeit der vielen Wege. Als Lokalredakteur trifft man Menschen in allen Ecken der Stadt, fährt zu Pressekonferenzen und Interviewterminen – mal in Ruchheim, dann in Oppau. Mit der Zeit kennt man sich recht gut aus. Was nicht heißt, immer zu wissen, wie man von A nach B kommt. Oder von B nach A wieder zurück. Es gibt Menschen, die zu mir sagen: „Fahr’ doch einfach so zurück, wie du hergekommen bist.“ Guter Witz! Meine Orientierung ist nicht die beste, weshalb zu meinen wichtigsten Arbeitsutensilien ein Relikt aus vordigitaler Zeit zählt: ein Faltplan. Er hat schon oft geholfen – und sieht entsprechend aus. Wer ihn unvorsichtig öffnet, dem fallen Ludwigshafen und Mannheim gesammelt entgegen. Durch den Rhein geht ein Riss. Ein Teil Oppaus und das nördliche Werksgelände der BASF sind verknickt, wohingegen sich Ruchheim tadellos gehalten hat. Bei jedem Aufschlagen bewundere ich die durchdachte Falttechnik. Bei jedem Zuschlagen verfluche ich sie. Gleicher Weg hin wie zurück? Das bekomme ich auch bei meinem Faltplan nicht hin – weshalb der Umgang mit dem Ding bei mir irgendwo zwischen Origami und roher Gewalt liegt. Der Plan hat Falten, wo er keine haben sollte. Doch er steht dazu, trägt sie mit Würde, ist ja auch schon in die Jahre gekommen. Eine Jahreszahl habe ich auf dem Plan nicht gefunden. Sein Erscheinungsdatum lässt sich schätzen. Die Rhein-Galerie ist schon eingezeichnet, das BASF-Hochhaus noch. Während meines Volontariats bei der RHEINPFALZ habe ich mir zu jeder Stadt, in der ich gearbeitet habe, einen Stadtplan gekauft. Neulich ist mir wieder der aus Landau in die Hände gefallen. Mit einem Stift hatte ich bestimmte Orte markiert – solche, an denen ich Termine für die Zeitung hatte. Was für eine tolle Erinnerungsreise zurück! In nicht allzu ferner Zukunft wird es wohl keine Faltpläne mehr geben. Schon jetzt wetzen die meisten Menschen smartphone-starrend durch Innenstädte statt stehenzubleiben, in der Tasche zu kramen, zu entfalten, oder jemanden nach dem Weg zu fragen. Eine Freundin berichtete mir – und das ist schon ein paar Jährchen her –, dass sie sich in Frankfurt verfahren hatte. Als sie höflich nach dem Weg fragte, blaffte ihr Gegenüber nur: „Haben Sie kein Navi?“ Dank automatischer Standortbestimmung werden wir irgendwann alle die Orientierung verloren haben. Es sei denn, wir sprechen wagemutig andere Menschen an. Oder finden noch einen alten Faltplan in der Tasche. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.