Ludwigshafener Geschichte(n)
Vor 50 Jahren: Frauen regeln in Ludwigshafen den Verkehr
Vor 50 Jahren hielt die dreifarbige Verkehrsampel auf breiter Front Einzug in Ludwigshafen: An der vielbefahrenen Kreuzung Schlachthof-/Rohrlachstraße wurde im Januar 1972 die erste vollautomatische Lichtsignalanlage der Stadt in Betrieb genommen – die Signalfarben Grün, Rot und Gelb bekamen für die Auto- und Motorradfahrer im wahrsten Sinne des Wortes wegweisende Bedeutung. Bis dahin war der kreuzende oder einmündende Straßenverkehr von der Polizei eher manuell dirigiert worden – sieht man von einem Kuriosum ab, das 1952 an der Jubiläumstraße/Mundenheimer Straße am Pfalzbau installiert worden war – der sogenannten „Heuer-Ampel“.
Einfaches System
Das war ein weithin sichtbarer, von innen elektrisch beleuchteter Würfel, der an Drahtseilen über die Kreuzung gespannt war. Die Heuer-Ampel, die von dem Schmiedemeister Josef Heuer in Iserlohn-Grüne erfunden wurde, war im Grunde genommen ein einfaches System: Eine durchscheinende Glasscheibe signalisierte mit roten und grünen Kreissegmenten die Ampelphasen, die durch einen langsam im Uhrzeigersinn drehenden weißen Zeiger markiert wurden. „Freie Fahrt“ hatte jeweils die Seite, auf der sich der Zeiger auf seinem Rundweg durch die grünen Felder bewegte.
14 Frauen regeln anfangs den Verkehr
Es gab auf der Ampel nur Grün und Rot – die Warnfarbe Gelb fehlte. Die Rot-Felder waren deutlich größer als die grünen Bereiche und schufen daher eine Art Sicherheitspuffer wie heute der Gelbbereich. Signalfehler waren unmöglich, weil die Zeiger auf allen vier Seiten miteinander gekoppelt waren und bei etwaigem Stromausfall durch ein Federwerk weiterbetrieben wurden. Zudem konnte die Heuer-Ampel in Stoßzeiten auch manuell gesteuert werden – je nach Verkehrsaufkommen. Erst als 1972 die Straßen-Verkehrsordnung (StVO) modernisiert wurde, war dieser Ampel-Typ nicht mehr zulässig und wanderte ins Museum – zum Beispiel ins Deutsche Straßenmuseum in Germersheim.
Dafür gab es in diesem Jahr 1972 vor nunmehr einem halben Jahrhundert in Ludwigshafen eine „optische Neuerung“. Mitten in wichtigen Straßenkreuzungen wurden in Stoßzeiten Podeste aufgestellt, auf denen blaugekleidete und mit blendend weißen Accessoires wie Ärmeln, Mützen und Handschuhen ausgestattete Verkehrspolizistinnen dafür sorgten, dass sich die Verkehrsteilnehmer nicht beim Richtungswechsel „verhedderten“ oder sich im Verkehrsgewühl einfach den Geradeausweg erzwangen. „Wir haben rund 30 Jahre lang an neuralgischen Punkten gearbeitet,“ erinnert sich Rosvitha Landsiedel (77) aus Limburgerhof, die zu den ersten 14 Frauen der Stadt gehörte, die im Dienst des Mainzer Verkehrsministeriums den Autofahrern die Richtung angaben.
Präsente für die Polizistinnen
Die Verkehrsteilnehmer mussten sich erst einmal daran gewöhnen, dass Frauen im Entflechten des immer stärker zunehmenden Straßenverkehrs der Stadt das Sagen hatten. Doch dann reagierten viele von ihnen in einer ungewöhnlichen und charmanten Weise: In den Tagen vor Weihnachten stellten sie im Vorbeifahren an den Podesten mit der Polizistinnen-Besatzung Präsente ab – Weinflaschen, Pralinenpackungen, Blumen und sonstige Geschenke, die abends eingesammelt und im Präsidium an alle Dienststellen verteilt wurden. Rosvitha Landsiedel: „Das hat uns sehr gefreut – es war ein ungewöhnliches Dankeschön für unsere Tätigkeit bei Hitze und Kälte, in Schnee und Regen. Aber wir mussten alles abgeben.“
Gutes Gedächtnis
Einsatzzeiten für die am Ende in den 90er Jahren mehr als 30 Frauen waren unter anderem die Feierabend-Stoßzeiten der BASF, die Spiele der Waldhofer Fußballer im Südweststadion oder Großveranstaltungen wie der Fastnachtszug. Auch wenn die Feuerwehren von Stadt und BASF ausrückten, folgten ihnen oft zum Regeln des Verkehrs die Polizistinnen aus dem Präsidium. Doch die verkehrsregelnden Damen konnten gelegentlich auch ärgerlich werden: „Wenn einer uns nicht ernstnehmen wollte und sich regelwidrig benahm, folgte eine Anzeige – wir hatten ein gutes Gedächtnis für Autokennzeichen“, erinnert sich Landsiedel.