Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Von schönen Tönen und Holzspänen: Laure Clement baut Geigen im Jungbusch

Aus 80 Einzelteilen, viel Geduld und einer Prise Mut entsteht Musik: Laure Clement hat im Musikpark eine Geigenbauwerkstatt eing
Aus 80 Einzelteilen, viel Geduld und einer Prise Mut entsteht Musik: Laure Clement hat im Musikpark eine Geigenbauwerkstatt eingerichtet und sieht hier Potenzial für ihr Geschäft.

Eine Französin wagt sich in eine Männerdomäne, die in Mannheim eine lange Tradition hat. Die Pariserin Laure Clement sieht hier Potenzial als Geigenbauerin.

Ihren Arbeitsplatz hat sie schon eingerichtet: Nicht in den Quadraten, irgendwo in einer Hinterhofwerkstatt, sondern im Musikpark im Jungbusch bringt sie die Violinen wieder zum Schwingen. Unzählige Werkzeuge liegen neben halbfertigen Geigen und wieder zu reparierenden Instrumenten griffbereit. Schnitzer, Messer, Stemm- und Hohleisen, Feile, Winkel, Zwingen oder auch kleine Messgeräte, um die Stärke von Decke und Boden festzustellen. Es riecht nach frischem Holz und etwas Leim, gleich im Zimmer nebenan hört man die Gitarrenbauer Herbst werkeln. Längst gibt es nicht mehr nur Tonstudios, Event- und Künstleragenturen im Musikpark unweit des Neckars, sondern auch echte Handarbeit.

Die 40-Jährige fühlt sich wohl und angekommen in ihrem neuen Domizil in der Hafenstraße. Und hat nach nur zwei Monaten schon viele Kontakte geknüpft und Aufträge erhalten. Neubauten, Reparaturen und Klangeinstellungen für die zarten Streichinstrumente gehören zu ihren Aufgaben. Solisten lassen vor einem Konzert noch mal Steg, Stimmstock, Saiten und Halswinkel ihrer Violine richten. „Der Bedarf in Mannheim ist groß“, sagt die gebürtige Pariserin mit Blick auf (angehende) Berufsmusiker von der Musikhochschule, dem Nationaltheater samt Musikalischer Akademie, dem Jugendsinfonieorchester oder den Philharmonikern.

Wenige Geigenbauer in Mannheim

Schon bei ihrer letzten Anstellung in Darmstadt bediente Clement Musiker aus Mannheim. Nachdem Thomas Uphoff als letzter Geigenbauer der Quadratestadt in Rente ging, hat zwar der Karlsruher Kollege Christoph van Dijk das Atelier in der Schwetzingerstadt übernommen, aufgrund der parallelen Arbeiten in der Fächerstadt aber nur zwei Mal die Woche geöffnet.

„Es gibt hier viele Musiker, aber wenig Geigenbauer. Dabei hat Mannheim einen so guten Ruf und eine lange Geschichte der Geige“, erklärt sie ihre Entscheidung. Tatsächlich schnitzten und reparierten die sogenannten Lautenmacher bereits im 17. Jahrhundert Violinen und Celli für die Stars der kurpfälzischen Hofmusik. Und wie so viele Handwerksberufe, war auch die Zunft des Geigenbaus lange eine männliche Domäne.

Clement aber kaufte ihre erste Violine bei einer Geigenbauerin in Paris. „Da es eine Frau war, habe ich mich wohl überhaupt erst getraut, über diesen Beruf nachzudenken. Sie wurde zum Vorbild. Wäre es ein älterer Mann gewesen, hätte ich diesen Mut oder die Idee vielleicht gar nicht gehabt“, sagt die rückblickend. Sie selbst stamme nicht aus einer musikalischen, aber aus einer klassischen Handwerkerfamilie. Schon der Großvater war Polsterer in Paris und hörte dabei gerne Radio. Clement dagegen arbeitet lieber im Stillen an den formschönen Klangkörpern.

Werkzeug statt Instrument

Ihre erste Geige hing sie irgendwann an den Nagel, und griff stattdessen zum Werkzeug. Sie wollte nicht Töne schaffen, sondern den Gegenstand selbst. „Dass ein Klang aus einem Stück Holz kommt, fand ich irgendwann noch spannender als die Musik“, verrät sie. Und doch war sie sich unsicher in ihrer Entscheidung. Zunächst absolvierte sie ein paar Praktika in Frankreich, um ihre Bedenken aus dem Weg zu räumen. Es zog sie nach England, vier Jahre lernte sie in der Newark Violin Making School in der Nähe von Nottingham, ehe es sie nach Hannover verschlug.

Sie bildete sich weiter, auch sprachlich. Clement studierte Germanistik in Hamburg und vertiefte ihr handwerkliches Können auch in Heidelberg: bei den Geigenbauern Elisabeth und Tobias Gräter sowie Tobias Hoth. Nach Stationen bei Frank Herrmann und Christian Arnold in Darmstadt wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit. Beim Mannheimer Gründerinnenzentrum Gig7 wurde ihr der Musikpark empfohlen. „Ich bin sehr dankbar, sonst hätte ich vielleicht Schwierigkeiten gehabt, mich zurechtzufinden. Es ist ein guter Standort. Dynamisch, mit Hafenflair und jungen Menschen. Und auch der Geigenbau ist ein zeitgenössischer Beruf“, macht sie deutlich, dass ihr Handwerk, obschon der Tradition verhaftet, nicht aus der Zeit gefallen ist.

„Es gibt viel Forschung, Entwicklungen und neue Techniken, das Geigenspiel steht nicht still. Und auch die Handwerker tauschen sich aus“, sagt sie. Beim Bau und Reparatur der Instrumente, die aus 80 Einzelstücken bestehen, sei das Verhältnis Mann/Frau inzwischen fast ausgeglichen. „Doch es ist nicht nur Kunst und schöne Töne. Es bedeutet auch Schmutz und Werkzeuge schleifen. Das muss man wollen. Es braucht Geduld, es ist ein langer Prozess von mehreren Wochen und Monaten, bis eine Geige fertig ist“, sagt Clement, die ihren fertigen Instrumenten gerne mit Melodien von Johann Sebastian Bach erste Töne entlockt.

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