Wochenspiegel
Von Karnevalisten, Klimaschützern und Kriminellen
Rathaussturm: Einfaltspinsel
Sie könnte buchstäblich zu einem Schlüsselerlebnis werden – die Rathausstürmung der Fasnachter am 13. November um 11.11 Uhr. Es ist die allerletzte, da das 70 Meter hohe Gebäude ab dem nächsten Jahr abgerissen werden soll. „Ob wir es so kurz davor überhaupt stürmen oder lieber flüchten, müssen wir noch sehen“, sagte diese Woche Christoph Heller mit verschmitztem Grinsen im Gesicht: „Die Folgekosten wären für uns ja unkalkulierbar.“ Weiß der Präsident des Großen Rats doch als Süd-Ortsvorsteher und CDU-Stadtrat ganz genau, dass um die 300 Millionen Euro nötig sein werden, um das Wahrzeichen plattzumachen und ein neues zu bauen. Er wäre also im doppelten Sinn ein Narr, würde er mit der symbolischen Übergabe des Rathausschlüssels auch die politische Verantwortung übernehmen. Vielleicht überreicht der Chef eines Malerbetriebs der Oberbürgermeisterin im Gegenzug einfach einen Einfaltspinsel – um zumindest ein paar handwerkliche Lacher einzustreichen.
Fernwärmenetz: Rechenspiele
Um viele Nullen geht es nicht nur bei der Finanzierung des Rathaus-Abrisses. Um (zu) viele Nullen ging es zuletzt auch bei einer Meldung auf unserer Lokalseite 1. Passiert ist der Fehler der FWG – und uns. Weil wir ihn nicht erkannt haben. Wie am Freitag berichtet, plädieren die Freien Wähler dafür, das Freibad am Willersinnweiher ans Fernwärmenetz anzuschließen. Damit könne die Stadt nicht nur erhebliche Kosten, sondern pro Jahr auch 200.000 Tonnen CO2 einsparen. Wow, echt jetzt? 200.000? Das entspräche den Emissionen, die rund 220.000 dänische Haushalte in zwölf Monaten verursachen. Tatsächlich, so korrigierte sich die FWG tags drauf, liegt das jährliche Einsparpotenzial lediglich bei 200 Tonnen CO2. Was zwar weitaus weniger ist, aber immerhin: Entspricht das doch dem CO2-Ausstoß, den ein Auto verursachen würde, mit dem man 200 Mal nach Moskau und zurück fährt.
Schockanrufe: Schauermärchen
In Moskau gibt es vermutlich auch das eine oder andere Callcenter, von dem aus kriminelle Banden Senioren in aller Welt terrorisieren – beziehungsweise anrufen und ihnen schockierende Dinge erzählen, um ihnen Geld abzuluchsen. Mit dieser Betrugsmasche waren die Gauner zuletzt häufiger auch in Ludwigshafen und dem Umland erfolgreich. Einige ältere Herrschaften, denen aufgrund der kolportierten Schauermärchen – aus Angst um die Tochter oder den Neffen – der Schreck in die Glieder fuhr, haben die Anrufer und ihre Komplizen zum Teil um ihr gesamtes Erspartes gebracht. Das Geld ist futsch, weil die Hintermänner oft im Ausland sitzen. Sie sind kaum ausfindig zu machen. Ihre Geldboten, die das größte Risiko eingehen, erwischt zu werden, sind nur Handlanger. Vermutlich gibt es viel mehr Opfer, als man annimmt, denn viele melden sich aus Scham nicht bei den Ordnungsbehörden. Denen bleibt im Prinzip nichts anderes übrig, als weiter auf Prävention und Aufklärungsveranstaltungen zu setzen: vor Ort, im Netz, mit Flugblättern oder mit Aufrufen in den Medien. Das ist mühsam und hilft nur bedingt. Denn, so Experten: Hat sich eine Masche mal herumgesprochen, überlegen sich die Übeltäter eben eine neue. Not macht leider auch Kriminelle erfinderisch. Senioren bleiben wohl so oder so ihr Ziel. Viele sind einsam und freuen sich über jeden Anruf. Wenn dann noch ein Enkel oder Neffe dran ist, der sich ewig nicht mehr gemeldet hat, erst recht. Das wissen auch die Betrüger, denen ich eines wünsche: im Alter selbst mal in so eine Falle zu tappen.
Steffen Gierescher