Mannheim
Von Jimi Hendrix bis Joe Cocker: Livestream aus dem Capitol
Wenige historische Konstellationen des zwanzigsten Jahrhunderts erfreuen sich heute noch größerer Beliebtheit als die Dreifaltigkeit aus Flower Power, Summer of Love und Woodstock. Viele der Zeitzeugen erinnern sich gerne daran, viele der Spätgeborenen träumen davon. Doch wo Nostalgie und Sehnsüchte walten, werden meistens auch Dinge vermischt, entstehen Verklärungen und Verzerrungen.
So auch bei der Musik. Unter den drei Mottos werden ja gerne alle möglichen Stücke der späten Sechziger und frühen Siebziger in einen Topf geworfen. Das Mammutprogramm beim Livestream aus dem Capitol beinhaltete deshalb auch nur sehr wenig Musik, die streng genommen der Flower-Power-Bewegung zuzuordnen ist. Kein Wunder, denn die Leute wollen keine musikhistorische Vorlesung hören, sondern Unterhaltung mit bekannten Liedern.
Der kalifornische Sommer ist weit weg
Ohne große Umschweife begann das Programm mit einer ziemlich rasanten Version von „California Dreamin’“ mit Sascha Kleinophorst, Jeanette Friedrich und Susanne Back an den Mikrophonen. Das verträumte Original von The Mamas and the Papas ist so weit weg wie der kalifornische Sommer vom derzeitigen Klima bei uns. Verständlich, dass die Band es ein bisschen eilig hatte, dem grauen Wetter zu entfliehen.
Weiter ging es mit „Daydream Believer“ von The Monkees und einem ersten musikalischen Höhenflug von Thilo Zirr an der Gitarre, der ganz beiläufig ein paar äußert cremige Melodiefragmente einstreute. Das jüngste Bandmitglied ließ es dann gleich im Anschluss mit der amerikanischen Nationalhymne richtig krachen, ganz so, wie sie Jimi Hendrix im Morgengrauen von Woodstock ikonisch zersägt hat. Thilo Zirrs Version war dabei nah am Original, setzte aber auch eigene Akzente.
Einer der besten Rocksänger Deutschlands
Als Gastsänger wurde anschließend Marvin Merkhofer begrüßt, den Fans von Castingshows vielleicht noch von seiner recht erfolgreichen Teilnahme bei The Voice of Germany im Jahr 2019 kennen. Bei „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum zeigte er seine gefühlvolle Seite, bei einigen Bluesrocknummern wie „White Room“ von Cream gab er ordentlich Gas und bewies, dass er im druckvollen Bereich zu den besten Rocksängern in Deutschland gehört.
Im Dialog mit Sascha Kleinophorst war es dann der Gitarrist Christof Brill, der den Joe in dem Song „Hey Joe“ verkörperte und außerdem an den Saiten bewies, dass er den legendären Jimi Hendrix ebenso lebendig wiederauferstehen lassen kann wie sein deutlich jüngerer Kollege zuvor. Keine einfache Aufgabe, denn der markante Stil der Legende zeichnet sich nicht nur durch eine atemberaubende Geschwindigkeit aus, sondern auch durch viel Gefühl für Ton und Details. Nicht verwunderlich, dass Christof Brill auf den Kosenamen „Der Meister“ hört.
Kracher und melancholische Töne
Das Gitarrenduell ging weiter mit Santanas instrumentalem Hit „Soul Sacrifice“, der dank dem Congaspiel des Trompeters Ralf Mosch Himmler mit einer gewaltigen Energie vorangetrieben wurde. Das rhythmische Fundament lieferte Rainer Dettling am Schlagzeug, der oft mit geschlossenen Augen durch die Arrangements glitt. Es war deutlich zu spüren, dass er die Songs bis ins Detail kennt und mit großer Leidenschaft interpretiert.
Auch wenn es mit Krachern wie „Born to be Wild“ und Joe Cockers Version des Beatles-Songs „With a Little Help from My Friends“ nochmal richtig laut wurde, kamen doch gegen Ende des Programms immer wieder melancholische Töne vor. „Teach Your Children“ von Crosby, Stills, Nash and Young und „The Night They Drove Old Dixie Down“ von The Band bewiesen nicht zuletzt dank dem glänzenden Mezzosopran Susanne Backs, dass auch Countryklänge zum Repertoire des Ensembles gehören.
Begeisterte Kommentare
Zum Abschluss gab es noch zehn Minuten „Papa Was a Rolling Stone“, ein großes Dankeschön an das Technikteam und das obligatorische „Hey Jude“ von den Beatles als Zugabe. Dank den professionellen Studiobedingungen und einer glänzend aufgelegten Band begeisterte es ein zahlreiches Publikum im heimischen Wohnzimmer. Denn ein Blick in die Kommentare bei YouTube zeigte, dass das Programm den Geschmack des Publikums voll getroffen hat. Das Thema des Abends bot schließlich eine grandiose Vielfalt und jede Menge musikalische Herausforderungen, die mit Bravour und viel Herzblut gemeistert wurden.