Ludwigshafen Von einer Watschn mit Wirkung

Helmut Kohl war gerade im sechsten Jahr seiner Kanzlerschaft, die Holländer erteilten uns im Halbfinale der Fußball-WM eine bittere Lektion und eine gewisse France Gall bezirzte uns mit ihrem Sommerhit „Ella, elle l’a“. Einen Monat lang rangierte das Lied der Französin an der Spitze der deutschen Charts. Sie ahnen es vielleicht: Es geht um das Jahr 1988. Das Jahr, in dem der Autor dieser Zeilen seine Reifeprüfung bestanden hat: im Leibniz-Gymnasium des Kraichgau-Kaffs Östringen, Landkreis Karlsruhe, irgendwo im Nirgendwo. Die Absolventen von damals, 80 junge Frauen und Männer, kommen bald wieder zusammen. Es ist Abi-Treffen-Zeit. 30 Jahre. Mein Gott, ist das lange her, dachte ich bei der Einladung. Derlei Jubiläumsfeten blicke ich immer mit gemischten Gefühlen entgegen. Ja, einerseits ist es natürlich schön, den Weggefährten von einst mal wieder zu begegnen. Um mit ihnen über legendäre Streiche (Musiklehrer in den Schrank eingesperrt) oder ihren Lebensweg zu sprechen (Standard: verheiratet, zwei Kinder, Karriere bei SAP oder BASF hingelegt). Andererseits ist es bisweilen erschreckend zu sehen, wie rasch manche Schulkollegen gealtert (Glatze, Plauze) und wie jung andere geblieben sind (noch kein graues Haar). Irgendwo dazwischen findet man sich selbst wieder. „Hast dich gut gehalten“, hört man häufig. Was im ersten Moment als Kompliment daherkommt, muss aber keines sein – so inflationär oft wie dieser (höflich gemeinte) Satz bei den ersten schüchternen Smalltalks fällt. Vor fünf Jahren war unser letztes Treffen – in einer Waldhütte. Gegrilltes, ein paar Bierchen, ein Schwätzchen am Lagerfeuer. War entspannter, als ich dachte. Sage und schreibe 60 von 80 Ehemaligen waren gekommen. Viele von ihnen leben im Umkreis von wenigen Hundert Kilometern – zwischen Frankfurt und Karlsruhe, München und Kaiserslautern. Die meisten haben studiert, nur wenige hat es ins Ausland verschlagen. Das sind dann die, die fehlen. Am meisten freue ich mich auf die Lehrer. Beim Stelldichein 2013 waren meine Lieblingspädagoginnen da: Frau Felsch, Französisch. Durch und durch eine Madame, die gerne mal eine Platte von Edith Piaf im Unterricht auflegte und gedanklich irgendwie immer in Paris war. Und Frau Ebert, Deutsch. Das Gegenteil der Kollegin. Eher rustikal unterwegs, resolut, bodenständig und ein Fan sehr weit geschnittener, bunt-gebatikter Gewänder. Ich mochte beide. Frau Ebert gestand mir damals, dass ich der erste (und letzte) Schüler gewesen sei, den sie geohrfeigt habe. Hatte ich längst verdrängt. Bei einem Ausflug ins Frankfurter Senckenberg-Museum bin ich angeblich leichtsinnig über eine viel befahrene Straße gerannt. Noch den Schreck in den Gliedern, sei ihr die Hand ausgerutscht, erzählte sie mir. Schuldgefühle nach so vielen Jahren? Die Watschn könnte indes eine Erklärung dafür sein, dass sie mir stets die bessere Note gab, wenn ich auf der Kippe stand, dämmerte mir auf dem Heimweg. Vielleicht war ich aber auch nur ein talentierter Schreiber. Ich frag’ sie mal – beim Bierchen am Lagerfeuer. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.