Ludwigshafen Von der Schulbank ans Geschütz

Otto Grimm bediente an der Flak das Fernrohr. Er musste bestimmen, wie weit die feindlichen Flieger entfernt sind, um die Kanone
Otto Grimm bediente an der Flak das Fernrohr. Er musste bestimmen, wie weit die feindlichen Flieger entfernt sind, um die Kanone richtig einzustellen.

Der Krieg kennt keine Altersbegrenzung - mit nur 16 Jahren stand Otto Grimm schon an den Fliegerabwehrkanonen Ludwighafens. Seinem Sohn Theo Grimm erzählte er alles darüber. Das Kommando zur Verlegung der Schulklasse von Otto Grimm kam Ende 1943. Die 16- und 17-Jährigen sollten nun nicht mehr in der Carl-Bosch-Schule unterrichtet werden, sondern an Tor 12 der BASF. Aus Schülern wurden Flakhelfer, aus Jugendlichen die Verteidiger der Stadt gegen Bombenangriffe. Denn noch waren sie zu jung, um an die Front geschickt zu werden. Otto Grimm bediente an der Flak das Fernrohr. Er musste bestimmen, wie weit die feindlichen Flieger entfernt sind, um die Kanone richtig einzustellen. Durch die Linien und Fadenkreuze konnte er alles beobachten, was in der Luft geschah. Besonders prägte sich bei ihm das Bild ein, wie ein Flieger an die Lutherkirche im Stadtteil Mitte abstürzte. „Immer, wenn wir in die Stadt gefahren sind, hat er mir die Geschichte erzählt“, sagt Theo Grimm über seinen Vater. Er habe unter dem Kriegseinsatz in seiner Jugend ein Leben lang leiden müssen. Doch er fraß den Schmerz nicht in sich hinein, sondern sprach oft darüber, was er erleben musste. „Ich war im Prinzip mit dabei“, sagt Theo Grimm, so genau schilderte ihm sein Vater, was geschah. Zum Beispiel, wie er es bei einem Fliegerangriff nicht mehr rechtzeitig vom Holzturm in das Betonrohr schaffte, das den Schülern als Bunker diente. Dort oben zusammengekauert sah er, wie eine Bombe die Baracke zerstörte, in der die Jungs nachts schliefen. Die Angriffe fanden oft Tag und Nacht statt. Der Großangriff auf Ludwigshafen im September 1943 habe so lange gedauert, dass die Geschütze zu heiß zum Schießen wurden, erzählt Theo Grimm. Sein Vater habe jedoch bei der Einteilung der Standpunkte Glück gehabt. Von Tor 12 der BASF wurde er an eine Flakstellung mit größeren Geschützen zwischen Oggersheim und Studernheim versetzt. Keine der beiden Stellungen lag im Zielgebiet der Bombenteppiche. Die Stützpunkte sollten verhindern, dass die Flieger zum Zielpunkt des Bombenabwurfs kamen. Die Piloten in den Bombern seien auch nicht viel älter gewesen als die Flakhelfer, erklärt Theo Grimm. So ergab sich das absurde Szenario, dass 16-Jährige mit Kanonen versuchten, 20-Jährige vom Himmel zu schießen. Deshalb hätten sich viele Piloten gar nicht getraut, über die Geschütze zu fliegen, fährt er fort. Anstatt zu ihrem eigentlichen Ziel zu fliegen, hätten sie die Bomben einfach auf die umliegenden Dörfer geworfen. Bis heute findet er keine Erklärung für die Absurdität des Kriegs. Doch mit der Geschichte seines Vaters hat der 59-Jährige vor vier Jahren abschließen können. 2014 war er in den USA, in Tucson. Dort besuchte er das Museum über Luft- und Raumfahrt, in dem auch eine Halle zum Gedenken an die 390. Fliegerstaffel ist. Ein restaurierter Bomber stand dort, davor ein 90-jähriger Mann. Im Gespräch stellte sich heraus: Der Pilot Richard B. Bushong flog damals über die Flakstellungen in Ludwigshafen, an denen Otto Grimm die Kanonen bediente. Als Bushong lächelnd feststellte, dass Theos Vater ihn abschießen wollte, es aber wohl nicht geschafft habe, kann Grimm die Vergangenheit hinter sich lassen. „Da haben wir Frieden geschlossen“, sagt er, „die Dinge waren halt, wie sie waren“.

Kriegsdienst mit jungen Jahren: Otto Grimm.
Kriegsdienst mit jungen Jahren: Otto Grimm.
Trümmer einer abgeschossenen amerikanischen Maschine, die neben die Lutherkirche stürzte und ausbrannte.
Trümmer einer abgeschossenen amerikanischen Maschine, die neben die Lutherkirche stürzte und ausbrannte.
Theo Grimm (rechts) mit dem Piloten Richard Bushong.
Theo Grimm (rechts) mit dem Piloten Richard Bushong.
x