Mannheim
Von der Hassrede zur Stillen Post: „Versprochen?“ über die Macht der Sprache im Felina-Theater
Der Titel ist doppeldeutig: Als Versprechen, als „eine Sprache“, auf die man sich einlässt, kann die Inszenierung von Angela Wendt und ihrer Schauspielgruppe verstanden werden. „Aber auch als Missverständnis, wenn der Empfänger etwas ganz anderes in einer Nachricht liest, als der Sender vermitteln wollte“, erklärt die Dramaturgin. Da ist man schon mitten im aktuellen Zwist voll alternativer Fakten, dem Streit um „die Wahrheit“ und die Interpretationshoheit unterschiedlicher Bubbles. Dabei wollen die Schauspieler die Volksempfänger der Jetztzeit leise drehen und eine Stille einkehren lassen, um über die Bedeutung von Sprache nachzudenken.
Am Anfang war die Gen-Mutation
„Sprache zeichnet den Menschen aus. Es waren Gen-Mutationen, die das Sprechen mit Sinn und Zweck, mit Grammatik und komplexen Gedanken überhaupt erst ermöglicht haben“, erklärt Wendt. Als Linguistin und Germanistin hat sie ihre alten Studienbücher wieder ausgepackt. Von Erving Goffmanns „Wir alle spielen Theater“ bis zu modernen Kommunikationsmodellen, um die ganz großen Fragen zu stellen: Woher kommt Sprache? Und wohin führt sie uns? Oder verführt sie auch?
Im Felina-Theater führt sie durch vier Räume. Die Besucher wandern durch die 15-minütigen Mini-Stücke. Ein Gedankenstrom wird etwa bei Monika-Margret Steger erwartet. Die Sprache fließt und schwappt auch mal über. Wie bei der Stillen Post kommen Wörter ganz anders an. „Das kann Lach-Flashs produzieren“, sagt Wendt – und wird dann wieder ernst. Denn Hate-Speech, also Hassreden, Fake News, böse Kommentarspalten bis hin zu verfassten Morddrohungen bildeten eigentlich den Auslöser. „Der ursprüngliche Titel war mal „Rohe Sprache“. Aber das hat mir zu sehr nach Fleisch geklungen“, sagt sie.
Nicht mehr Herr der Worte
Und doch geht es ans Eingemachte: „Sprache erschafft Wirklichkeit, es bestimmt meinen Wahrnehmungshorizont. Wörter entwickeln sich, manche verschwinden wieder, neue kommen dazu. Mit Sprache entstehen Weltbilder, sie kann aber auch manipulieren und zerstören. In totalitären Regimen schafft man sich seine Welt durch Sprache“, befasst sich das Stück mit der Macht der Worte und mit dem, was passiert, wenn wir wie in den Sozialen Medien nicht mehr „Herr“ über sie sind. „Gerade im Digitalen bekommen Wörter ganz andere Bedeutungen, Themen von Corona bis zum Wal Timmy schaukeln sich hoch. Die Schallwellen sind voller Störungen, aus Mücken werden Elefanten und umgekehrt“, so Wendt, die ihre Schauspieler mit wissenschaftlicher Theorie „zuballerte“, und gespannt ist, was die Künstler daraus machen.
Vom Puppentheater zum Raum der Stille
Sascha Koal etwa nutzt zum Sprechen seine Hände. Er spielt zur Verarbeitung der Welt Puppentheater. „Ob die Hexe, das Krokodil, Kasperle oder der König zum Einsatz kommen, weiß ich noch nicht“, verrät er. Ganz sicher aber wird auch das Nicht-Gesagte zu Wort kommen und Sigmund Freud eine tragende Rolle spielen. Marie Eberhardt wird sich hinter einer Operafolie, also einer Projektionsfolie, als Schattenwesen zu eingespielten Phrasen bewegen. Bei Markus Maier werden die Theaterbesucher einen Raum der Stille betreten, schweigen und sehen, wie man sich fern des Verbalen unterhalten kann.
Bereits bei „Heldinnen“ nutzte das Felina-Theater die Räume der früheren Dessous-Fabrik für einen Szenischen Parcours. „Zuschauer sind dadurch keine Salzsäulen, die nur still dasitzen. Sie haben durchaus einen Einfluss auf das Stück und fühlen sich wortwörtlich mehr mitgenommen“, erklärt Koal. „Wir wollen das Publikum nicht Zuquatschen, sondern sie über Sprache reflektieren lassen“, hofft Wendt auf viele „Wusste-ich-gar-nicht“-Effekte. Versprochen!
Termin
Premiere des Szenischen Parcours „Versprochen? Von der Macht der Worte“ am Mittwoch, 17. Juni, 19.30 Uhr. Weitere Termine im Felina-Theater, Holzbauerstraße 6-8, am 22. und 24. Juni, 19.30 Uhr. Karten unter www.theater-felina.de