Mannheim
Vom Spätzünder zum Überflieger: Luis Tena Torres vom Tanzensemble des Nationaltheaters
Luis Tena Torres fällt auf. Und das nicht nur wegen der markanten Wikinger-Flechtfrisuren, zu denen der spanische Tänzer seine langen Haare für Aufführungen bändigt: Es ist vor allem seine kraftvolle Art zu tanzen, die Präzision und die Entschiedenheit, mit denen er seine Posen und Gesten setzt, welche die Aufmerksamkeit auf ihn lenken.
Woher kommt diese expressive Körperlichkeit? Mindestens zur Hälfte sei sie ein Verdienst des Mannheimer Ballettchefs Stephan Thoss, der als Choreograf ein Perfektionist sei und großen Wert auf Klarheit lege, auf die „Tiefenschärfe“ der Ausführung von Bewegungsabläufen und Figuren, erklärt Torres. Und die andere Hälfte? Die rühre eventuell aus seiner Hip-Hop-Vergangenheit her, gibt der Tänzer, der im Gespräch gar nicht mehr wie ein wilder Wikinger, sondern eher sanftmütig wirkt, mit verschmitztem Lächeln zu.
Vom Streetdance aufs Tanzkonservatorium
Denn begonnen hat Luis Tena Torres, der 1993 in Alicante geboren wurde, nicht etwa mit klassischem Ballett, sondern mit Streetdance. Ein Genre, das den tänzerischen Spätzünder dann aber doch dazu animierte, mit 17 auf das Tanzkonservatorium in Valencia zu gehen. „Dort war ich fast nur von Jüngeren umgeben“, erzählt Torres, der sich in der dreijährigen Ausbildung nachträglich die ganze klassische Technik aneignen musste. Das aber offensichtlich mit so großem Erfolg, dass er quasi vom Fleck weg engagiert wurde: ans Staatstheater Nürnberg, wo Chefchoreograf Goyo Montero den jungen Tänzer unter seine Fittiche nahm.
Auf Nürnberg, wo Torres von 2013 bis 2019 tanzte, folgte als zweite Station das Staatstheater am Gärtnerplatz in München. „Während die Zeit bei Montero entscheidend für meine stilistische Prägung war, konnte ich in München mehr experimentieren und meine Individualität als Tänzer stärker entwickeln“, resümiert Torres diese Etappen seiner bisherigen Karriere. Zur Spielzeit 2020/21 dann der Wechsel ans Nationaltheater Mannheim: „Das war mitten in der Pandemie, entsprechend schwierig war es während der ersten sechs Monate, die anderen im Ensemble kennenzulernen und miteinander zu arbeiten“, blickt der Tänzer auf seine Anfangszeit in Mannheim zurück. Mittlerweile aber laufe alles wieder im Normalbetrieb, und es sei gerade jetzt eine spannende, inspirierende Phase mit vielen Projekten.
Tanzen an vorderster Front
Torres’ energetische Präsenz war bereits im Thoss’ Chopin-Stück „Krik“ kaum zu übersehen. Im aktuellen Doppelabend „Kosmos – Schwerelos“, der am 4. Februar im Tanzhaus des Nationaltheaters Premiere hatte, ist Torres nun besonders prominent besetzt. Da tanzt er in beiden Choreografien oft an vorderster Front, gibt Bewegungsmuster vor und zeigt, mal mit Albert Galindo, mal mit Joseph Caldo an seiner Seite, starke Duette: Mann mit oder gegen Mann. „Kosmos“, ein Tanzstück von Andonis Foniadakis, ist noch dazu so schnell getaktet und extrem auf Tempo frisiert, dass es selbst dem Zuschauer stellenweise den Atem verschlägt. „In der Tat ist dieser Doppelabend bislang die größte physische Herausforderung für mich, aber in einem positiven Sinn“, sagt Torres. Und lächelt dazu, als ob er genau das brauche.
Und dem ist wohl auch so. Denn neben dem Tanzen findet das spanische Energiebündel noch Zeit, um zu zeichnen, zu malen und, vor allem, um selbst zu choreografieren. Torres’ Stück „Demons“ gefiel Ballettdirektor Stephan Thoss so gut, dass er es prompt in „Rising“ integrierte, einen Abend aus Werken aufstrebender Nachwuchs-Choreografen. Und zur letzten „Choreografischen Werkstatt“ der Ensemble-Mitglieder steuerte Torres, der sich ganz im Contemporary Dance zu Hause fühlt, einen Reigen mit dem kuriosen Titel „Close, but no Cigar“ bei.
Ob er die Arbeit als Choreograf künftig ausbauen will? „Auf jeden Fall“, bestätigt der 29-Jährige. Es gebe auch schon neue Ideen und Pläne. Aber auch als Tänzer will sich Torres noch weiter ausprobieren. Und so entschwindet der geschmeidige Wikinger zur Audition für den nächsten Mannheimer Tanzabend, der Mitte April Premiere haben wird. Sein Titel: „Young Lovers“.
Info
„Kosmos – Schwerelos“, 17., 19., 23. und 26. Februar., 10., 22. und 23. März, jeweils um 19.30 Uhr, im Tanzhaus des Nationaltheaters in Mannheim-Käfertal. Karten unter Telefon 0621 1680150 oder im Internet unter nationaltheater-mannheim.de.