Ludwigshafen Vom Lutschen an Harrisburg-Brennstäben
Im Frühjahr hat Benjamin von Stuckrad-Barre die Werbetrommel für sein Buch „Panikherz“ gerührt. Nach einer Zeit in der Versenkung war er auf Tournee und wurde im Fernsehen von Talkshow zu Talkshow gereicht. Jetzt im Herbst geht seine Promotour in die zweite Staffel, und Mannheim ist vorne mit dabei. Im Schauspielhaus des Nationaltheaters mit seinen 600 Plätzen hatte der Popliterat einen Auftritt vor fast ausverkauftem Haus.
Eine Lesung mit Benjamin von Stuckrad-Barre ist keine Lesung wie jede andere. Sie ist ein Event, eine Art literarisches Popkonzert. Spaßfaktor garantiert. Die Starattitüde beginnt mit der Verspätung. Aber nur ein akademisches Viertelstündchen. Das bewegt sich noch im Bereich des Erträglichen, einem Star angemessen. Was ein echter Superstar ist, der lässt noch viel länger auf sich warten. Als Zeichen, dass es endlich losgeht, ertönt aus den Lautsprechern Bachs Tokkata und Fuge d-Moll, aber nur die ersten Takte in ihrer triumphierenden Majestät, ihrer ehrfuchtgebietenden Erhabenheit. Abrupt fällt dem Orgelfanal ein Kinderchor in die Töne, der Udo Lindenbergs beschwingt-rockigen „Honky Tonky Show“-Refrain darbietet. Postmoderner Stilmix ist angesagt, alles verträgt sich irgendwie mit allem. Da, wie aus dem Nichts, erscheint ein Männlein mit Kürzesthaarschnitt und einem Luftsprung wie ein Eiskunstläufer auf der Bühne. Endlich ist der lang Erwartete da, der sportliche Autor und Vorleser. Ein Sonnyboy, ein Luftikus. Erst einmal plaudert Benjamin von Stuckrad-Barre sich ein bisschen warm. Humorig umständlich erzählt er von Kalamitäten mit der Bahn und entschuldigt sich sogar für seine Verspätung. Dann zeigt er auf einen Stuhl und Tisch in der hinteren linken Bühnenecke, kündigt an, dass er sich dorthin vom Vorlesetisch im Scheinwerferlicht ab und an zurückziehen werde, um eine Zigarette zu rauchen, und lädt das Publikum ein, es ihm gleichzutun. „Da kann jeder sich auch’n Schuss setzen. Is’ mir wurscht. Das is’ so’n bisschen die Suchtecke.“ Benjamin von Stuckrad-Barre kokettiert mit seinem Absturz in den Drogensumpf. Er verdient ja jetzt sogar Geld damit, denn „Panikherz“ beschreibt den Weg dorthin vom gefeierten Bestsellerautor, bekannt mit allen möglichen Prominenten. Wenn ihm jemand gesagt hätte, wir lutschen jetzt an Harrisburg-Brennstäben, hätte er mitgemacht, beschreibt er lockerflockig den polytoxikomanen Endpunkt. Seit zehn Jahren ist er jetzt clean. Kein Koks mehr, kein Alk. Rauchen ist die letzte verbliebene Sucht. Sein neues Buch „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“, das er den Mannheimern jedoch vorenthalten hat, handelt von seinem neuen Leben. „Panikherz“ ist aber das viel dickere und popliterarisch stärkere Buch. Schon der Titel macht deutlich, dass Benjamin von Stuckrad-Barre im Kielwasser seines Kumpels Udo Lindenberg schwimmt. „Panikherz“, das lässt an „Keine Panik auf der Titanic“ denken. Gleich die erste Geschichte des Buches erzählt witzig vom gemeinsamen Passieren der Zollkontrolle auf dem Flughafen von Los Angeles: „Wir sahen so aus, als bestünden wir geradezu aus Drogen.“ Doch nicht lange, und Udo hat den skeptischen Zollbeamten so amüsiert, dass er ihn lachend durchwinkt und seinen Kumpel im Schlepptau gleich mit. Bewundernswert übrigens, wie Benjamin von Stuckrad-Barre es versteht, Lindenbergs nuschelnden, assoziativen Redestil in Wortbrocken nachzuahmen. Andere Geschichten des Buches handeln davon, wie er als Abiturient Rio Reiser bei dessen Auftritt in Göttingen Haschisch besorgt, oder von der Begegnung mit einem schwulen, koksenden Fernsehmoderator in Los Angeles. In seine Suchtecke zu kommen, überredet er dann doch tatsächlich Susanne in der ersten Reihe. Charmant hilft er der extravagant wie Udo Lindenberg gekleideten Frau, die mit ihrem Mann da ist und auf ihrem Unterarm das Tattoo „Ich mach mein Ding“ trägt, auf die Bühne, bietet ihr eine seiner Menthol-Zigaretten an und plaudert mit ihr. Zu seiner Ehre sei gesagt, dass er sein „Opfer“ nicht vorführt. Aber auf den Mund gefallen ist Benjamin von Stuckrad-Barre nun wahrlich nicht.