Ludwigshafen
Vom Gastwirtssohn zum Konzernchef
Vor rund 150 Jahren begann in der Auenlandschaft an der Mündung von Rhein und Neckar das Zeitalter der Industrialisierung. Das nach dem Wegzug der Kurfürsten zum Provinzstädtchen herabgesunkene Mannheim und das erst durch die Industrialisierung entstandene Ludwigshafen entwickelten sich durch die Industrie schnell zu Großstädten mit hunderttausenden von Einwohnern. Wie es im Einzelnen dazu kam, erzählt nun ein kurzweiliges Buch anhand der Lebensgeschichte des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn, das sich auch an Jugendliche richtet.
Die Biografie von Friedrich Engelhorn, der von 1821 bis 1902 lebte, ist dazu bestens geeignet. Denn Engelhorn war damals zweifellos eine der wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten der Region. In Friedrichs Kindertagen um 1830, gab es in Mannheim gerade mal 20.000 Einwohner. Man betrieb Landwirtschaft auf den Feldern rund um die Stadt. In den Quadraten wohnten noch viele Bauern. Sein Vater betrieb das Gasthaus „Stadt Augsburg“ in den Quadraten. Mit 14 Jahren begann Friedrich eine Ausbildung als Goldschmied.
Wanderjahre in Paris und Wien
Beim Vergolden und Versilbern von Metallen erwarb er erste chemische Kenntnisse. Die folgenden Wanderjahre im Handwerk führten auch nach Paris und Wien. Zurück in Mannheim eröffnete er ein Geschäft zur Schmuckherstellung, das sehr gut lief. In Paris und Wien hatte Engelhorn die Beleuchtung der Straßen mit Gaslampen kennengelernt. Um diese Neuerung auch in Mannheim einzuführen, gründete er eine Fabrik zur Gasherstellung im Quadrat K5.
Da Gaslicht die weitaus bessere und billigere Beleuchtung gegenüber Öllampen war, setzte sie sich rasch durch. 1851 bekam er von der Stadt den Auftrag zum Bau eines Gaswerks und dem Betrieb von 631 Laternen. Das Leuchtgas wurde durch die Erhitzung von Steinkohle gewonnen. Als Abfallprodukte entstanden dabei Koks und Teer. Bald erkannte Engelhorn, dass sich diese Stoffe bestens verwerten ließen.
Am „Pestbuckel“ angefangen
Koks als Brennstoff, die Teermasse als Grundstoff zur Herstellung von Chemikalien und Farben. Auf dem „Pestbuckel“ im Jungbusch, dem Beerdigungsplatz der großen Pestepidemie von 1666, übernahm Engelhorn eine alte Zinkhütte und gründete die erste Chemiefabrik. Ein Bestandteil des Teers war Anilin. Aus ihm konnte man den blauen Farbstoff Indigo herstellen, der vorher nur aus Pflanzen gewonnen werden konnte. Die Fabrik war die Keimzelle der BASF. Bereits 1829 hatten die Brüder Giulini im heutigen Wohlgelegen eine Fabrik zur Herstellung von Schwefelsäure gegründet. Die Brüder siedelten 1849 nach Ludwigshafen über. Die Fabrik in Wohlgelegen bestand als „Verein Chemischer Fabriken“ weiter.
Als Engelhorn 1865 ein großes Fabrikgelände suchte und die Stadt Mannheim ihm ein Grundstück am heutigen Nationaltheater anbot, funkten die Besitzer der Chemie-Fabrik in Wohlgelegen dazwischen und verhinderten dies. So siedelte Engelhorn sein neues Unternehmen BASF nahe des Hemshofs im gerade gegründeten Ludwigshafen an. „Wäre die BASF in Mannheim erbaut worden, würde sie sich heute am Neckarufer vom Luisenpark bis nach Seckenheim ausbreiten“, erläutert Buchautor Volker Keller vor. Der ehemalige Mannheimer Schulrektor hat bereits einige historische Publikationen zur Lokalgeschichte verfasst.
Lesetipp
Zur Sache: Das Buchprojekt
Die Idee, die Geschichte der Industrialisierung in der Region anhand der Lebensgeschichte von Friedrich Engelhorn (1821-1902) zu erzählen, stammt von den Verantwortlichen des Friedrich-Engelhorn-Archivs in Mannheim. Der eingetragene Verein bewahrt und präsentiert Erinnerungsstücke an die Familie in Archivräumen der „Villa Engelhorn“ in der Mannheimer Oststadt. Für das Vereinsziel, die Familiengeschichte Engelhorn mit besonderem Blick auf die Industriegeschichte zu dokumentieren und der Öffentlichkeit bekannt zu machen, fördert der Verein auch Publikationen. Siehe: www.engelhorn-archiv.de