Ludwigshafen „Vom Brexit werden wir uns schnell erholen“

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Herr Mudra, was denken Sie als Wirtschaftswissenschaftler: Müssen wir uns vor dem Brexit fürchten?

Die bevorstehende Abstimmung der Briten wird eine Weggabelung für die europäische Entwicklung sein. Davon bin ich überzeugt. Da werden wir merken, wie verzahnt die Wirtschaftsprozesse sind. Es wird zweifellos eine Unsicherheit geben, aber keine nachhaltige wirtschaftliche Problematik, wenn die Briten aus der EU austreten. Davon werden wir uns relativ schnell erholen. Das Politische und Emotionale spielen jedoch eine große Rolle, weil durch einen Brexit Europa als Union und gemeinsame Idee in bislang nicht dagewesener Form infrage gestellt wäre. Gehen Sie vom EU-Austritt der Briten aus? Im Moment steht es pari. Die Befürworter kommen überwiegend mit rationalen Argumenten. In der Schlussphase einer Kampagne ist aber die Emotionalisierung besonders wichtig. Die Frage ist nun aktuell, wie sich das Attentat auf die Labourabgeordnete auf die Stimmung auswirkt. Für ein einheitliches Europa wäre ein Austritt ein enormer Rückschlag. Ein Brexit würde die Frage aufwerfen: Was verbindet Europa noch? Ich selbst glaube an das europäische Projekt. Wenn es in England eine rationale Entscheidung gibt, wird sich vermutlich die Mehrheit für Europa entscheiden. Aber in den Medien ist derzeit alles außerordentlich emotionalisiert. Müssen wir uns noch viel mehr vor einem US-Präsidenten Donald Trump fürchten? Wirtschaftlich gesehen, werden nicht einzelne Akteure ein komplettes System infrage stellen können. Aber bei einem Akteur mit einer so großen Machtfülle wie dem amerikanischen Präsidenten kann sich natürlich eine Erosion in den Beziehungen vollziehen. Die Frage ist: Wäre ein Präsident Trump berechenbar? Jemand, der Spielregeln des Miteinanders grundsätzlich infrage stellt und Belgien offensichtlich für eine Stadt hält, erscheint nicht unbedingt vertrauenswürdig. In der Wirtschaft spielt Vertrauen aber eine große Rolle. Kollegen an amerikanischen Partnerhochschulen machen sich schon große Sorgen und sehen mit der nächsten Präsidentschaftswahl für sich eine Schicksals- und Zukunftsfrage verbunden. In wenigen Wochen endet das Semester. Was läuft derzeit noch an der Hochschule? Die Vorlesungsprogramme sind zum großen Teil durch, Ausnahme sind die berufsbegleitenden Programme und Weiterbildungsformate. Aber bis zur Sommerpause dauert es noch etwas, die meisten Studenten stecken gerade in den Prüfungen, die bis Mitte Juli dauern. Mehr als die Hälfte unserer Studenten muss allerdings in der vorlesungsfreien Zeit Geld verdienen. Das hat sich in den letzten Jahren verschlechtert. Viele können die Freiräume zwischen den Semestern kaum noch für sich nutzen. Die Hochschule macht Unternehmen attraktive Transferangebote, etwa zum Thema Arbeitgeberattraktivität oder Mitarbeiterzufriedenheit. Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen, und wie wird Ihr Know-how vor Ort genutzt? Wir haben elf Forschungsinstitute und gehen mit unseren Erkenntnissen auf die Unternehmen zu. Wir wollen künftig insbesondere den Mittelstand noch stärker ansprechen, da wir hier nach unseren Erfahrungen auf einen großen Bedarf, aber auch eine Offenheit treffen. Aber Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße. Wir entwickeln gerade unsere Transferstrategien weiter, um unsere Zusammenarbeit mit Unternehmen und Non-Profit-Organisationen noch zielgerichteter zu gestalten. Über die Dualen Programme haben wir bald 1000 Kooperationspartner. Hier ist ein starker intensiver Austausch wichtig. Im Bereich der Zusammenarbeit mit der Ludwigshafener Stadtverwaltung begleiten wir ein Flüchtlingsprojekt in Edigheim. Ich würde mir wünschen, dass wir beim Thema Bildung überlegen, wie wir da gemeinsam in dieser Stadt noch besser vorankommen und einen Beitrag für die Zukunftsfähigkeit leisten können. Was spräche beispielsweise dagegen, mit Akteuren beziehungsweise Institutionen in Ludwigshafen Bildungsallianzen zu vereinbaren, über die es zu strategischen, aber auch operativen Verabredungen für gemeinsame Aktivitäten kommt? Oder warum sollte man nicht nach dem Mannheimer Vorbild einen Bildungsbericht für die Stadt als ein Instrument entwickeln, mit dem neben einer regelmäßigen Bestandsaufnahme insbesondere die gemeinsamen Herausforderungen herausgearbeitet werden. Die Hochschule hat ihre Türen schon im vergangenen Jahr für Flüchtlinge geöffnet. Wie ist deren Situation auf dem Campus heute? Wir haben vier Praktikanten. Unsere englischsprachigen Veranstaltungen sind offen für Flüchtlinge. Das ist das Mindeste, was wir zu tun hatten. Wir haben einen Gasthörerstatus für Flüchtlinge eingerichtet, der über einen Förderverein finanziert wird. Die Zulassungen fürs Studium müssen in jedem Einzelfall immer erst geprüft werden. Viele Flüchtlinge haben allerdings keine Papiere und damit keine Bildungsnachweise. Über Testverfahren können wir das kompensieren. Von rund 4300 Studierenden haben nur 370 keinen deutschen Pass. Das sind überraschend wenige. Weit über 25 Prozent haben schätzungsweise einen Migrationshintergrund. Das ist aber schwer zu erfassen, da wir bei unserem Aufnahmeprozess nur die Staatsangehörigkeit erfragen. Wir sollten mit Blick auf die Herausforderung mit den Flüchtlingen Wege finden, zusätzliche Kontingente für ausländische Studenten zu eröffnen. Der Fachbereich Marketing und Personalmanagement ist an der Hochschule besonders beliebt. Woran liegt das? Wir haben hier seit einigen Jahren eine überdurchschnittliche Nachfrage für unsere Programme an der Hochschule. Spitzenreiter ist bei uns der Bachelorstudiengang Soziale Arbeit. Dort kommen im Schnitt auf 120 Plätze zwischen 1500 und 2000 Bewerbungen. Das ist schon enorm. Der Studiengang Marketing ist ebenfalls sehr stark nachgefragt. Das Fach fasziniert viele Bewerber, weil es um Werbung und Kreativität geht. Aber man sollte sich darüber bewusst sein, dass Management und Betriebswirtschaftslehre das Studienfach prägen. Manche stellen sich das so breit und anspruchsvoll nicht vor. In Schnuppervorlesungen am Tag der offenen Tür können die Interessenten einen Einblick in unsere Programme bekommen. Die Nachfrage nach günstigem Wohnraum in Ludwigshafen ist groß. Hat sich die Lage für Studenten verschärft? Wegen der günstigen Preise im Vergleich zu Mannheim und Heidelberg sind Zimmer und Wohnungen hier sehr gefragt. Für die Stadtentwicklung sind Studenten ein wichtiger Aspekt. Das Handling bei der Wohnungssuche ist leider nicht ganz einfach. Wer hier wohnt, ist jedoch sehr begeistert. Wir brauchen mehr Wohnheimplätze und sind auch mit Akteuren in der Stadt im Gespräch. In der Innenstadt soll noch zusätzlich etwas auf die Beine gestellt werden. Bei der GAG haben wir 36 Wohnungen für ausländische Studenten angemietet. Das funktioniert außerordentlich gut. Das Engagement des Immobilienunternehmens ist ein wichtiger Teil der Stadtentwicklung. Haben Sie schon Pläne für den Sommer? Zieht es Sie dieser Tage aufs Filmfestival? Ja, ich freue mich auf das hochspannende Programm, habe schon ein paar Karten. Im August geht es nach Holland, auch wenn man da wettermäßig immer auf alles gefasst sein muss. |Interview: Christiane Vopat

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