Ludwigshafen Virtuos in die Kurve

Mit Scott Henderson hat wieder einer der zeitgenössischen Großmeister der Gitarre Ludwigshafen besucht. Das Kulturzentrum Das Haus präsentierte den Jazz-Rocker aus den USA, der schon mit Chick Coreas Electric Band, mit Joe Zawinul und Jean-Luc Ponty gespielt hat. Henderson stellte die Stücke seines im Mai erscheinenden Soloalbums vor.
Mit einem Blues ging es los, mit einem Blues endete das Konzert. Dazwischen spielten Henderson und seine zwei Mitmusiker virtuose und fetzige Sachen, die der Meister selbst geschrieben hat. Und die meiste Zeit fragt man sich als Zuhörer, was zum Teufel der Mann da gerade macht. Henderson ist ein Gitarrist für Gitarristen, ein Insider-Tipp. Nur drei Konzerte gab er in Deutschland, das in Ludwigshafen war das letzte dieser Minitour. Ende des Monats tritt Henderson wieder am Musicians Institut in Los Angeles auf, wo er regelmäßig als Dozent tätig ist. Der „All Blues“ war so etwas wie der rote Teppich, den Henderson seinen Zuhörern ausgerollt hat. Die Form ist ein eindeutiger Zwölf-Takter, den fast jeder kennt und dessen Ablauf man im Blut hat. Da kommt es schön zur Geltung, wenn Henderson aus dem Schema ausbricht und „outside“ spielt. Dies ist eine Technik, bei der der Solist bewusst in andere Harmonien und Tonleitern wechselt, als im Ablauf des Stücks vorgesehen. Die Kunst ist, dabei den Grad der Dissonanz und Schrägheit zu kontrollieren und auch rechtzeitig wieder aufzulösen. Beim „All Blues“ kann man Hendersons Eskapaden ganz gut folgen, kann sich freuen, wenn er sich virtuos in die Kurve legt, um wieder auf die Zielgerade der Basistonart einzuschwenken. Hendersons Gitarrenspiel verbindet Einflüsse von Jimi Hendrix, Jeff Beck und John Scofield, und man findet auch Elemente, die von Jazz-Giganten des Saxophons wie Parker und Coltrane stammen. Von Hendrix und Beck kommt der starke Einsatz des Vibratohebels und die Phrasierung. Henderson lässt auch gerne mal Töne in Rückkopplungen kippen. Schnell wabernde Akkordklänge setzt in ähnlicher Weise auch Scofield ein. Das Erweitern der Harmonien bis zum Aufbrechen in höhere Strukturen haben Parker und Coltrane vorbereitet. Und was die Menge an Noten betrifft, die Henderson herausschleudert, steht er diesen Heroen nicht nach. In den Gefilden, in denen sich dieser Gitarrist bewegt, wird allerdings die Luft auch dünn. Seine eigenen Stücke sind so komplex, dass man sich weder Themen noch Abläufe verinnerlichen kann. Die Abläufe gibt es, denn Bassist Travis Carlton und Schlagzeuger Alan Hertz landen punktgenau dort, wo Henderson Akzente setzt oder bestimmte Formen wiederholt. Als Zuhörer hat man den Eindruck, die Drei wissen genau, was sie tun. Aber analysieren oder verstehen kann man es beim ersten Mal Hören nicht. Da wäscht eine Welle virtuoser Spielkunst und ausgefuchster musikalischer Prozesse über die nur noch staunenden Zuhörer hinweg.