Ludwigshafen
Virtuelle BASF-Hauptversammlung: Videos statt Würstchen
Vorne in einer Reihe der Konzernvorstand, dahinter der Aufsichtsrat. Dicht an dicht sitzend, dem Nachbarn auch mal etwas zuflüsternd – das war einmal. In diesem Jahr heißt es bei der BASF-Hauptversammlung: Abstand halten. Und weil das mit mehr als 6000 Teilnehmern nicht so einfach ist, wurde Anfang April bekannt, dass die diesjährige Versammlung virtuell stattfindet, ohne Anwesenheit der Aktionäre. Wobei, so ganz stimmt das nicht: Die Aktionäre sind zwar nicht persönlich vor Ort, können nach Anmeldung die Hauptversammlung aber live im Internet verfolgen und ihr Stimmrecht wahrnehmen. Am Donnerstag um 10 Uhr geht es los.
Vorstand an Einzeltischen
Die Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat sitzen jetzt im Zwei-Meter-Abstand an Einzeltischen, wie eine Unternehmenssprecherin auf RHEINPFALZ-Anfrage mitteilt. Dafür sei die Tischanlage in der hauseigenen BASF-Schreinerei extra angepasst worden. Damit auch alle vor der Kamera ins richtige Licht gerückt werden, arbeite die BASF-Veranstaltungstechnik mit externen Dienstleistern zusammen. Dabei befinden sich die Konzern-Oberen nicht etwa – wie sonst üblich – im Mannheimer Rosengarten, sondern in einem großen Konferenzraum im Ludwigshafener Werk. Der sei für bis zu 400 Personen ausgelegt. Am Donnerstag dürften dort kaum 50 zusammenkommen.
Die Hauptversammlung hatte immer eine ganz besondere Atmosphäre. Dem Aktionär vermittelte sie spürbar das Gefühl, ein kleiner Baustein eines sehr großen Konzerns zu sein. Neben der Wahrnehmung von Aktionärsrechten war die Hauptversammlung immer auch ein bisschen Event, auch ein bisschen Show. BASF-Rentner trafen alte Bekannte, junge Aktionäre schnupperten erstmals Hauptversammlungsluft. Auch das Vorurteil, dass der eine oder andere wegen des Essens kam – so ganz falsch wird es nicht sein. Es waren aber natürlich auch all diejenigen da, die ernsthaftes Interesse an der aktuellen Konzernentwicklung haben und diese kritisch verfolgen.
770.000 Aktionäre
Die BASF gehört Unternehmensangaben zufolge „so vielen Aktionären wie noch nie“. Weil die Kurse durch die Corona-Pandemie auf Talfahrt gingen, hätten viele Menschen auch BASF-Anteile gekauft. 770.000 Aktionären gehört der Konzern aktuell – davon seien etwa 30 Prozent Privatpersonen, wie eine Unternehmenssprecherin mitteilt. Während man den Großteil der Versammlung nur als angemeldeter Aktionär verfolgen kann, ist die Rede des Vorstandsvorsitzenden Martin Brudermüller für jeden online zugänglich.
Der zeitintensivste, aber auch spannendste Teil der Hauptversammlung sind traditionell die Fragen der Aktionäre. Jeder – auch wenn er nur wenige Aktien besitzt – konnte sich im Rosengarten zu Wort melden. Der BASF-Vorstand musste dabei nicht nur Sachfragen beantworten, sondern auch mal sehr direkte Kritik einstecken. Rund 150 Fragen wurden im vergangenen Jahr gestellt. Von der sechseinhalb Stunden langen Veranstaltung nahm dieser Teil knappe fünf Stunden in Anspruch. Auch bei der virtuellen Hauptversammlung werden Fragen beantwortet.
Doch auch hier gilt: Dieses Jahr ist einiges anders. In den Vorjahren sei hinter der Bühne dafür „eine zweistellige Anzahl an Mitarbeitern“ im Einsatz gewesen. Schließlich wünschten die Aktionäre teils Auskünfte zu kleinsten Details oder sehr genauen Zahlen. Die Mitarbeiter aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen stellten dann schnell die nötigen Fakten zusammen. Anschließend beantwortete sie ein Vorstandsmitglied live auf der Bühne. Da die Fragen dieses Mal bereits seit Montagabend vorliegen, können auch die Antworten schon vorbereitet werden.
Vorjahr: 6300 Teilnehmer
„Die Mitglieder des BASF-Vorstands sind bestrebt, alle Fragen zu beantworten“, heißt es aus der Pressestelle. Heißt aber auch: Das ist kein Muss. Welche Fragen der Vorstand wie beantwortet, entscheide er „nach pflichtgemäßem, freiem Ermessen“. Es seien mehr Fragen als 2019 eingegangen, heißt es aus der BASF-Pressestelle. Die genaue Anzahl werde erst bei der Hauptversammlung bekannt gegeben – genauso wie die der Teilnehmer. 6300 Menschen kamen im Vorjahr.
Der Vermutung, dass virtuell mehr Aktionäre aus dem Ausland teilnehmen weil für sie nun die Anreise entfällt, erteilt die BASF eine Absage. Einen Anstieg der Auslandsanmeldungen habe es nicht gegeben. Die Hauptversammlung findet in deutscher Sprache statt. Mehrere Videoeinspielungen zu BASF-Themen sollen die Aktionäre das Unternehmen „auch im virtuellen Raum“ erleben lassen, heißt es.
Ob die Mitarbeiter der BASF-Schreinerei im nächsten Jahr den dort eingelagerten Tisch wieder zusammensetzen müssen, hängt wohl von der Pandemie-Entwicklung ab.
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