Ludwigshafen Viele Trompeten und eine preiswürdige Katze
Zum 13. Mal ist in Mannheim der Neue Deutsche Jazzpreis verliehen worden. Aus der lokalen Idee der Musikerinitiative IG Jazz ist ein deutschlandweit beachteter Wettbewerb geworden, mit dessen Gewinn sich nicht bloß Nachwuchsmusiker gerne in ihrer Biografie schmücken. 200 Bands wollten diesmal dabei sein, drei stellten sich am Ende dem Votum des Publikums. Dass fünf junge Herren aus Bayern den Sieg davontrugen, ging vollkommen in Ordnung.
Das ganze Procedere ist etwas umständlich, aber sehr demokratisch. Aus allen Bewerbern wählt eine Jury aus Fachleuten in einem anonymisierten Verfahren ein gutes Dutzend aus, die dann an den jährlich wechselnden Kurator weitergeleitet werden. Das war diesmal der amerikanische Trompeter Wallace Roney. Der hat noch mit Art Blakey und Miles Davis auf der Bühne gestanden und genießt schon zu Lebzeiten Legendenstatus. Dass bei zwei der drei ausgewählten Finalisten Trompeter eine zentrale Rolle einnehmen, überraschte da nicht. Überraschend war eher die Wahl der dritten Band zu. Das war Salomea aus Köln, ein munteres Quartett um die Sängerin Rebekka Salomea. Sie selbst bezeichnen ihre Musik als „Contemporary Multi-Genre“, und das mit dem „Multi“ ist wörtlich zu nehmen. Alle paar Takte werden Rhythmus und Stil gewechselt, auf HipHop folgt Loungejazz, dann klingt’s nach Elektropop, alles immer mit viel Synthesizer-Verfremdung. Musikalisch war der Gehalt eher überschaubar, Spaß macht so was schon, vielleicht nicht gerade einem eher konservativen Jazzpublikum. Dass die jungen Leute aus der Domstadt keine Chance hatten, war schnell klar. Vertrautere Sounds für jazzgewohnte Ohren boten die beiden anderen Bands. Der Gitarrist Sebastian Böhlen und sein aus ganz Deutschland zusammengestelltes Sextett machen originell arrangierten und virtuos gespielten Modern Jazz, hatten mit dem Grünstadter Saxophonisten Stefan Schmid und dem aus Emden stammenden Trompeter Matthias Bergmann zwei exzellente Solisten in ihren Reihen. Daraus entstanden spannungsreiche Kompositionen mit lustigen Titel wie „Erst muss die Katze ’raus“. Diese hat dem gerne mal mit fein kolorierten Klangflächen arbeitenden Gitarristen in den USA schon einen Preis eingebracht. In der ausverkauften Feuerwache hat es nicht ganz gereicht, vielleicht wirkte das Vincent Eberle Quintett als Band einfach einen Tick kompakter, mehr aus einem Guss als Böhlen und seine auch in vielen anderen Projekten engagierten Kollegen. Nach etwas verhaltenem Beginn liefen der Trompeter und seine Kollegen, die sich vor vier Jahren beim Studium an der Münchner Musikhochschule kennengelernt haben, zu großer Form auf. Auch hier dominierte ein modaler Jazz mit kühlen Klangflächen und herrlich ineinander verhakten Soli des lyrisch gestimmten oder auch geradlinig lospreschenden Eberle und des schräg dagegen haltenden Gitarristen Paul Brändle. Dass der mit 10.000 Euro dotierte Jazzpreis an die großartigen Bayern ging, war also okay, weniger nachvollziehbar dagegen die Vergabe des mit 1000 Euro ausgestatteten Solistenpreises an Maximilian Hirning, den Kontrabassisten der Band. Der war vor allem optisch mit Hipsterbart, Kappe und Bühnenpräsenz aufgefallen, virtuoses Talent hatten andere mehr zu bieten. Seit vergangenem Jahr wird auch noch ein Komponistenpreis vergeben, nicht etwa für eines der gespielten Stücke der Finalbands, sondern eigens für eine vorgegebene Besetzung geschriebene Kompositionen. Im Jazz ist so etwas ein etwas schrulliger Einfall, lebt diese Musik doch davon, dass hier Komponist und Interpret eine Personalunion bilden und selbst bei der Verwendung von Standards der improvisierende Musiker praktisch ein neues Stück erfindet. Erschwerend kam hinzu, dass sich in der vorgegebenen Besetzung des Projekt M des Mannheimer Trompeters Johannes Stange auch ein Violone befand, ein historisches Streichinstrument der Gambenfamilie, das wie ein klobiges Cello aussieht und im Bassbereich brummelt. Jakob Helling, Alexandra Lehmler und Birgitta Flick gaben sich viel Mühe, in zehnminütigen Werken aus dem Kontrast von drei Saiteninstrumenten und zwei Bläsern möglichst viele Funken schlagen zu lassen, wirklich überzeugen konnte keines der Stücke. Lokalmatadorin Alexandra Lehmler durfte sich schließlich über die 2000 Euro Preisgeld freuen. Mit dem Komponistenwettbewerb war der erste Abend in der Feuerwache eröffnet worden, beschlossen wurde er wie üblich vom Kurator und seiner Band. Wer bei den weitgehend vom Blatt gespielten Kompositionen bis dahin die Improvisation vermisst hatte, der kam nun voll auf seine Kosten. Wallace Roney nahm das Publikum mit auf eine Zeitreise in die Mitte der Sechzigerjahre zu Miles Davis und dessen zweitem Quintett. Roney klingt nicht nur ähnlich wie sein großes Vorbild, er orientiert sich auch musikalisch an ihm. Es gibt also virtuosen Modern Jazz mit melodischen Themen und großzügig bemessenen Soli. Neben dem 57-jährigen Bandleader glänzten hier der 18-jährige Saxophonist Emilio Modeste und der Pianist Oscar Williams. Das war alles technisch auf höchstem Niveau, machte viel Spaß, war aber auch ziemlich überraschungsfrei. Einen avantgardistischen Abend hatte bei diesem Kurator aber auch niemand wirklich erwartet.