Ludwigshafen
„Viele Menschen werden wohl austreten“
Herr Professor Memmert, müssen wir uns um unsere Kinder Sorgen machen?
Nein. Das müssen wir nicht.
Aber es heißt doch in vielen Studien, dass die Leistungsfähigkeit stetig abnimmt. Das Robert-Koch-Institut wiederum sieht das offenbar nicht so dramatisch. Was stimmt den nun?
Es gibt tatsächlich Studien, die beides aussagen. Das hängt jedoch vom Instrumentarium des Forschers und die untersuchte Zeitspanne ab. Aber entscheidend für die Sportlichkeit des Kindes ist das Elternhaus. Die Eltern sind da Vorbilder. In der Corona-Pandemie ist das nicht anders. Eltern, die ihre Kinder immer wieder sportlich antreiben und im Sport unterstützen, haben eine ganz andere Bindung zum Sport. Kinder, die nur nebenher Sport treiben, also nur den Schulsport nehmen, fallen in ihrer Leistungsfähigkeit ab.
Kinder gewinnen durch den Sport Motivation, Selbstbestätigung und Zufriedenheit. All das war durch den Lockdown nicht möglich. Was bewirkt der Lockdown mit Kindern und Jugendlichen?
Da sind die fehlenden sozialen Kontakte, die Vereinsamung. Im Sport, speziell im Mannschaftssport, lernt man gemeinsam zu gewinnen, zu verlieren, im Team Aufgaben zu übernehmen, eben Sozialkompetenz. Sport ist da nicht immer nur der Leistungsaspekt. Im Sport lernt man Freunde zu finden, zu treffen, sich in der Gruppe gemeinsame Ziele zu setzen und diese dann auch zu erreichen. In der Gruppe motiviert man sich auch gegenseitig, um Ziele zu verwirklichen. Alleine ist das oft schwierig. Vergangenes Jahr im Sommer hatten wir noch die Möglichkeit, uns bei angenehmem Wetter im Freien zu bewegen. Somit war es für mich nicht überraschend, dass die Karlsruher Kollegen vom KIT zeigen konnten, dass nicht nur der Fernsehkonsum während des „Sommer“-Lockdowns zugenommen hat, sondern auch die sportliche Aktivität leicht gestiegen ist. Nun ist aber Winter, und es hat wochenlang geregnet oder ab und an auch geschneit. Da waren die Möglichkeiten stark eingeschränkt. Ich vermute, dass sich somit die erhöhte sportliche Aktivität im „Sommer“-Lockdown nicht mehr bestätigen wird. Natürlich gibt es auch zu Hause eine gewisse Auswahl an Sport, aber im Freien macht Sport doch wesentlich mehr Spaß. Das sehe ich schon ein Problem auf uns zukommen.
Das klingt nicht gerade ermutigend.
Corona bietet allerdings auch eine große Chance. Nämlich, dass sich Menschen selbst lernen zu motivieren. Das hätte einen unglaublichen Effekt. Kinder sollen sich ein Ziel setzen, dass sie beispielsweise täglich 10 bis 15 Minuten ein Sportprogramm absolvieren. Das kontrollieren sie auch selbst. Sie werden sich dabei gut fühlen. Denn sie müssen sich selbst motivieren, wenn sie etwas erreichen wollen. Das hilft auch in vielen anderen Lebenslagen.
Das schafft aber nicht jedes Kind. An welches Alter denken Sie da?
Ich kann mir das für Kinder ab der Pubertät vorstellen. Der ein oder andere bekommt das sicherlich hin.
Sie sprachen von Trainingsausfall, Trainingsverbot in Corona-Zeiten. Geht dem Sport, den Sportvereinen nicht ein ganzer Jahrgang verloren?
Davon kann man ausgehen, dass die Corona-Pandemie nicht spurlos an Vereinen vorbeigeht. Erste Studien legen dies nahe. Zumal wir ja auch nicht wissen, wie lange das alles noch anhält. Es können ja durchaus eineinhalb oder zwei Jahre werden. Ich glaube aber, dass man diese Entwicklung auch bei den Leistungssportlern sehen wird. Denn es ist ja nicht nur die körperliche, sondern auch die kognitive und geistige Komponente, die darunter leidet. Hinzu kommt die soziale Komponente. Wir werden wohl viele Menschen sehen, die aus dem Sport austreten. Ich denke da gerade an Kinder ab der Pubertät.
Welche Fähigkeiten gehen den Kindern bei mangelnder Bewegung verloren?
Vor allen Kraft und Ausdauer, wenn sie nichts dafür tun. Aber auch die Freude am Sport, das Miteinander, das Soziale gehen verloren. Wichtig für die Kinder wird sein, dass sie wieder am Start sind, wenn Vereinssport erlaubt wird.
Hat der Lockdown den Leistungsabfall beschleunigt?
Das wird sich alles zeigen, wenn die Wettkämpfe und Spielbetriebe wieder losgehen.
Wie lange wird es dauern, bis diese Lücke geschlossen ist?
Das ist schwierig zu sagen, da wir zuvor noch keinen so langen „Winter“-Lockdown hatten. Auch für uns Wissenschaftler ist diese Situation neu, wobei einige Befunde aus dem „Sommer“-Lockdown vorliegen. Aber Kraft, Ausdauer oder Koordination können ja auch jetzt trainiert werden. Wer da vorher fit war und jetzt pausieren musste, der wird relativ schnell wieder ein gutes Niveau erreichen. Das große Problem ist im Grunde, dass die Kinder sich ja weiterentwickeln müssten, vor allem auch in der Technik und Taktik. Nur geht es nun ums Kompensieren, um Defizite auszugleichen statt ums Vorankommen. Im Bildungsbereich werden ja düstere und ernüchternde Prognosen aufgestellt. Im Sport wird das nicht komplett anders sein.
In Schulen fiel der Sportunterricht und fällt er immer wieder aus. Hat Sport eine zu geringe Lobby im Bildungssystem?
Ja, die Lobby ist zu gering. Wir bemängeln das aber schon seit vielen Jahren. Es müsste eine Schulstunde Sport mehr pro Woche geben. Man könnte doch gerade in solchen Zeiten Sport täglich in den Unterricht einbauen. Zehn Minuten Bewegung, die online von der ganzen Klasse gleichzeitig gemacht wird. Es gibt so viele Möglichkeiten, auch in Corona-Zeiten einen abwechslungsreichen Sportunterricht zu gestalten und den Kindern Impulse für den Sport zu geben. Da gibt es viele Videos und im Internet ganz viele Beispiele, wie kostenlose „running“-Apps, von denen Schülerinnen und Schüler nach der Aktivität Screenshots der Lehrkraft schicken können. Generell ist wichtig für die Kinder, wie der Sportunterricht von den Lehrkräften gestaltet wird. Da ist die Bandbreite aber groß.
Dabei schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO vor, dass Kinder sich mindestens 90 Minuten am Tag intensiv bewegen sollen. Das erfüllen aber 80 Prozent der Kinder nicht. Klingt alarmierend.
In der Tat. Die Zahlen sind eindeutig, aber für viele andere Bereiche im täglichen Leben sind die Werte auch klar, beispielsweise bei der Ernährung oder beim Klima. Die Wissenschaftler sind sich in vielen Punkten einig, doch bei der Umsetzung herrscht kein Konsens. Wir haben auch beim Bewegungsmangel kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wie schaffen wir es, dass 30 Kinder effektiv, anspruchsvoll von einer Lehrkraft in der Halle bewegt werden? Wie kriegen wir es hin, mehr Ökonomie in den Sportunterricht zu bekommen, also die Fahrtzeiten in die Halle zu reduzieren, das Umziehen, den Auf- und Abbau von Geräten zu verkürzen? Das ist alles nicht so trivial. Wir wissen, dass von einer 45-minütigen Sportstunde effektiv 23 Minuten für den Sport bleiben. Der Rest geht weitestgehend an eben den erwähnten Dingen verloren.
Ist Breitensport wichtiger als Leistungssport?
Ja, schon, denn fast alle Menschen sind im Breitensport organisiert. Vom Grundbedürfnis her, sich aktiv zu bewegen und seinem Körper nachhaltig etwas Gutes tun, ist der Breitensport enorm wichtig.
War es richtig, die Sportvereine zu schließen? Auf der einen Seite rät das Bundesgesundheitsministerium, Sport zu treiben, auf der anderen Seite sind die Einrichtungen geschlossen. Und nicht jeder hat die Erfahrung eigenverantwortlich seine Sportintensität richtig zu dosieren.
Das ist nicht so einfach pauschal zu beantworten. In Sportarten mit wenig Körperkontakt, also Tennis oder Badminton, wäre das eher möglich gewesen, aber in Mannschaftssportarten wie Handball, Basketball oder Fußball sieht das anders aus. Oder nehmen Sie die Leichtathletik. Die findet vornehmlich draußen statt. Da gibt es kleine Gruppen. Das halte ich für unbedenklich. Man sollte den Vereinen nicht ihre Flexibilität und Kreativität nehmen. Viele Sportvereine haben im „Sommer“Lockdown sehr gute Modelle entwickelt. Die haben funktioniert. Aber für Eltern ist es schwer zu verstehen, wenn es von Bundesland zu Bundesland andere Regelungen gibt. Da schwindet die Akzeptanz.
Das ist ein viel diskutierter Punkt. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz darf man beispielsweise aktuell nicht in der Halle Tennis spielen, in Hessen schon. In Schulen durften Kinder bis zum zweiten Lockdown lange Zeit Sport treiben und das bei einer Klassengröße von bis zu 30 Schülern. Im Sportverein ging das bei einer Mannschaftsgröße von 15 bis 17 nicht. Wie erklärt man solche Absurditäten Kindern?
Das kann Kindern niemand erklären, denn das ist weder für Kinder, Trainer noch die Eltern nachvollziehbar.
Aber speziell Sportvereine tragen wesentlich zur sozialen Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen bei. Gerade das Sozialverhalten wird geschult, Stichwort: Fair-Play-Gedanke. Sollten Sportvereine und Leistungssportabteilungen stärker gefördert und anerkannt werden?
Ja. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Man sollte generell die Expertise des Sports mehr in manche Entscheidungen mit einbeziehen.
Zur Person
Daniel Memmert
Professor Daniel Memmert (49) leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln das Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik. Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) erstellt sein Team Gegneranalysen für die deutsche Nationalmannschaft. Die Forschungsschwerpunkte des Kandelers und nun in Neckargmünd lebenden Memmert liegen in der Bewegungswissenschaft, der Sportpsychologie und der Sportinformatik. Memmert besitzt Trainerlizenzen in diversen Sportarten, darunter die B-Lizenz im Fußball. Seine beiden Mädchen sind ambitionierte Tennisspielerinnen und stehen in der deutschen Jugendrangliste. Memmert war und ist auch für Bundesligisten in der Spielanalyse aktiv.