Ludwigshafen
VHS bietet Alphabetisierungskurse in Brennpunktvierteln an
Neben der neuen Möblierung mit Tischen und Stühlen ist der frisch gestrichene Raum „Karlsruher Gässel“ (Ludwigstraße 73) von den ehrenamtlichen Helfern mit Regalschränken und einer kleinen Bibliothek ausgestattet worden. Was viele nicht wissen: Auch in einem Bildungsland wie Deutschland ist die Zahl der Analphabeten überraschend hoch.
Laut einer Studie der Uni Hamburg von 2011 ist jeder siebte Erwachsene in Deutschland ein funktionaler Analphabet. Im Gegensatz zu Analphabeten, die keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse haben, können diese zwar Wörter und Sätze lesen und schreiben, aber nicht immer verstehen und haben Probleme mit Texten. Dabei haben die meisten von ihnen Deutsch als Muttersprache gelernt und besitzen einen Schulabschluss.
Zielgruppe besser erreichen
Um diesen Missstand zu verbessern, hat das Bundesbildungsministerium seit 2015 ein Förderprogramm ins Leben gerufen. „Lerntreff im Quartier ist ein Modellprojekt des Bundesministeriums. Ziel ist es, Menschen niedrigschwellige Angebote zur Alphabetisierung zu machen. Am besten in den Stadtteilen, in denen sie leben, damit es möglichst leicht für sie ist, das Angebot zu nutzen“, erläuterte VHS-Leiterin Stefanie Indefrey die Idee. Der Antrag auf Teilnahme und Förderung im Bundesprogramm habe im Frühjahr binnen vier Wochen beim Volkshochschulverband eingereicht werden müssen, der das Gesamtprojekt koordiniert und verantwortet. Ihr Dank gelte daher dem Einsatz der engagierten Mitarbeiter und den Kooperationspartnern, sagte Indefrey unter dem Beifall der rund 30 Ehrenamtlichen und Gäste bei der Eröffnung am Freitag.
Im Projekt engagiert ist die Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen/Mannheim (Saluma), die Ökumenische Fördergemeinschaft Ludwigshafen und die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Ehrenamtliche leisten die Arbeit in den Lerntreffs vor Ort. Mitte Mai konnte das Projekt in zwei Problemvierteln starten, in der Kropsburgstraße in Mundenheim und in der Bayreuther Straße in West.
Werbung für Angebot
Für die VHS sei das schon etwas Neues, räumte Projekt-Organisatorin Petra Marquardt ein: „Wir hatten bisher nur die Komm-Struktur. Das funktioniert aber bei dieser Zielgruppe nicht. Die Bildungsarbeit vor Ort im Quartier ist eine Herausforderung.“. Zunächst gehe es darum, auf das Angebot aufmerksam zu machen und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Dafür wurden Plakate gedruckt. Geworben wird damit, in entspannter Atmosphäre die eigenen Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben zu verbessern. Kinder können mitgebracht werden, spielen und basteln. Dabei gibt es schon mal Kaffee und Kuchen.
Es brauche Zeit, bis Vertrauen aufgebaut sei und Betroffene kämen, sagt Elfriede („Eli“) Haller, die sich in allen Lerntreffs engagiert. In Mundenheim seien es erst wenige, die montags und freitags ins „Haus der Begegnung“ kämen. Eine Betroffene, die sich in der Gruppe Saluma engagiert, um anderen zu helfen, ist die 62-jährige Sirikit Schorer. „Ich habe selbst mit 47 Jahren noch einmal richtig Lesen und Schreiben gelernt. Es hat für mich eine neue Welt eröffnet. Ich konnte endlich Bücher lesen“, betont sie die Bedeutung des neuen Projekts für die Zielgruppe.