Ludwigshafen Verloren in der Datenflut

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Wie das Universum in einen Rucksack passt, zeigt die Tänzerin Noha Ramadan, die mit ihrem Solostück „Los Angeles“ bei Zeitraumexit in Mannheim gastierte. In einer 45-minütigen Tour de Force lässt sie Datenfluten durch ihren Körper strömen, reist in die Zukunft und wieder zurück. Ein Science-Fiction-Stück, perfekt für den intimen Rahmen des Künstlerhauses.

Wenn „Los Angeles“ im Kino liefe, dann wäre es sicher nicht jugendfrei. Da schlitzt sich Noha Ramadan mit einem Ratsch den Bauch auf, die Eingeweide quillen auf den Boden, werden mit den Füßen zermatscht und mit einem Golfschläger in die Zuschauerränge bugsiert. Im nächsten Moment kriecht die Performerin auf Knien umher und ruft mit lieblicher Stimme nach ihrer Katze. In einem rasend schnellen Bewusstseinsstrom zappt sie zwischen Filmzitaten, Mythen, kollektiven Fantasien und persönlichen Erinnerungen hin und her. Tanzperformance als großes Kopfkino. Und für noch mehr Kinogefühl sorgt dabei die Tonspur, die S. M. Schneider live kreiert. Wenn Noha Ramadan einen Pfeil vom Bogen abschießt und wie ein spielendes Kind dazu zischt, wird das Geräusch verstärkt und verändert. Es verhallt in der Ferne, in der Höhe und erweitert den kleinen Raum im Jungbusch-Hinterhof ins Endlose. Ebenso effektiv verweist die Ausstattung von Ebba Fransén Waldhör auf die Zukunft: ein grauer Rock aus synthetischem Material, weiße Turnschuhe und Fingernägel, eine blaue Strähne im Zopf. Die Tänzerin – geboren 1979 in Australien – wirkt wie ein Mädchen, das zur Superheldin in einem Science-Fiction-Abenteuer mutiert. Aber ist sie wirklich Herrin dieser Datenwelt? Oder eine Puppe, die alles abspult, was jemals auf sie eingeprasselt ist? In unserer Informationsgesellschaft verstehen wir uns allzu gern als Kopfmenschen und vernachlässigen, dass diese Datenflut den ganzen Körper durchdringt und prägt. Wissen ist schnell gelöscht, doch das Körpergedächtnis vergisst nie. Das in Echtzeit den Zuschauern spürbar zu machen, ist die Stärke einer solchen Tanz-Performance. Dabei greift Noha Ramadan, die ihren Master of Choreography in Amsterdam absolviert hat, in ihren Arbeiten auch zu drastischeren Mitteln: Sie steckt den Kopf in einen Eimer Sand oder befreit sich mit Hilfe einer Stange aus einem Tutu, um sich am Ende splitterfasernackt zu zeigen. Die 36-Jährige interessiert, wie Gesten Bedeutung konstruieren und manchmal Sinn mit Un-Sinn überlagern – etwa im Bußritual der öffentlichen Entschuldigung. In „Los Angeles“ entlarvt die Australierin auch unsere Sehnsucht, die komplexe Welt auf lächerlich simple Weise für uns greifbarer zu machen. Dazu packt sie ein Sammelsurium aus ihrem Rucksack aus: einen Stoffhasen, ein Seil, einen Gong, rosa Würfel, Lippenstift und Halstabletten. Sie hält ein braunes Handtuch hoch. „Das ist das Universum“, erklärt sie und versprengt irgendwo Babypuder auf dem Boden: „Und das ist das Publikum.“ Sie schwadroniert von Alkoholismus, unter dem man endlos leiden müsste, falls man unsterblich wäre. Sie setzt Vergangenheit und Zukunft mit Philosophie gleich. Sie deckt schließlich ihr Rucksack-Universum zu und beerdigt sich unter einer grauen Decke. Als Noha Ramadan wiederaufersteht und den Zuschauern in die Augen blickt, wirkt sie in sich ruhend und mit jeder Faser des Körpers anwesend. Kein Früher und kein Später wabert mehr im Raum, um von ihr Besitz zu ergreifen. Sie spricht nur drei Worte. „Ich bin bereit.“ Es ist der schönste Moment des Abends, irgendwie rein und wahr und erlösend.

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