Ludwigshafen Verletzt Arbeit die Menschenwürde?
„Hurra! – die Arbeit ist weg!?“ heißt eine Ausstellung des Wormser Künstlerehepaars Constanze und Norbert Illig im Community Art Center in Mannheim. Der Titel der Ausstellung ist ebenso provokant wie der Titel der gesamten von der BASF geförderten Kunstreihe, von der die Ausstellung einen Teil bildet: „Tor 4 – Warum wird eigentlich alles besser?“ Die Illig & Illig-Ausstellung ist witzig und pfiffig, will dabei aber zugleich zum Nachdenken anregen.
Illig & Illig sitzt der Schalk im Nacken. Dass ihre Ausstellung am 1. Mai, am Tag der Arbeit, eröffnet wurde, gehört zu diesen Neckereien. Auf das Thema „Arbeit“ sind die beiden eingeschworen, denn die Künstler verstehen sich, seitdem die Arbeitsämter im Jahr 2002 in Arbeitsagenturen umgetauft wurden, als „Arbeitsagenten“. Aus ihrer Beschäftigung mit Worten entspringen „Begriffsbilder“, wie Illig & Illig ihre Installationen nennen. In Ludwigshafen haben sie von solchen in eine griffige Form gebrachten Worten unter anderem schon im Ernst-Bloch-Zentrum ein Beispiel gegeben. Zum Jubiläum „50 Jahre Prinzip Hoffnung“ haben sie im Jahr 2009, gegenüber vom Zentrum, einen gedeckten Tisch aufgestellt, um so Blochs Satz zu illustrieren: „Denken heißt überschreiten.“ Im Community Art Center nun muss der Besucher zunächst eine Wartemarke ziehen, wie dies in Arbeitsagenturen üblich ist. Illig & Illig haben nämlich festgestellt, dass die Mehrheit des Kunstpublikums nicht über die Erfahrung der Arbeitslosigkeit verfügt. Danach erwarten den Besucher mehrere Stationen, aus Pappe gebaute mannshohe oder auch mehr als mannshohe Häuschen voller Überraschungen. Die Pappe als Baumaterial kommt von der BASF, war dort ein Abfallprodukt und soll jetzt an die prekären Arbeitsverhältnisse bei Paketzustellern denken lassen. Die erste Station ist ein Kenotaph, ein leeres Grab oder ein leeres Wigwam aus Pappe. Wenn der Besucher drinnen nach oben schaut, wackelt dort bedenklich ein großer Stein. Über jedem schwebt eben drohend das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit, und jeder muss wie Sisyphus immer wieder den Stein wälzen, um sie abzuwenden. Im „Arbeitsraum“ kann dann jeder auf einer Karte etwa die Frage beantworten, was ihm Arbeit bedeutet. Hier kann er auch völlig wirkungs- und geschmacklose „Hartzpillen“ zu sich nehmen oder sich informieren, was „Zeitarbeit“ ist: „Nehmen Sie einen Eiswürfel, und schauen Sie zu, wie er in der Sonne schmilzt.“ Freiraum oder „Futures“ heißt eine weitere Station, wo es Schutzkleidung vor unkontrolliertem Träumen gibt oder ein eGo-stiLL in Form eines an Watte angeschlossenen Kopfhörers. Im „Kopfkino“ steckt der Besucher seinen Kopf durch ein Loch in der Pappwand und hört Stimmen, die Zukunftssorgen artikulieren. „Jede Menge Kohle“ gibt es im nächsten Häuschen in Form von Grillkohle und Kohlezeichnungen. Und auf einer „Ideenwiese“ wächst saftig grün auf Augenhöhe mit dem Betrachter Weizen. „Noch sehen wir das Gras nicht von unten wachsen“, zitiert Constanze Illig aus einem Gedicht Rose Ausländers, bevor es zur letzten Station geht. Jeder kann eine Karte ziehen, worauf etwa „Arbeit verletzt die Menschenwürde“ steht. Dann steigt er auf eine Leiter und wirft die Karte oben in einen Korb, um so die Aussage als „gut“ oder „schlecht“ zu werten. Die letzte Frage geht an Illig & Illig: Betrachten die beiden ihre Tätigkeit als Arbeit? Da sind sich die beiden völlig einig: „Wir arbeiten immerzu.“ Termin Bis 6. Juni im Community Art Center in Mannheim, Laurentiusstraße 16. Illig & Illig führen donnerstags und freitags von 17 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 0621/40189884 durch die Ausstellung.