Ludwigshafen Unzuverlässigkeit hat üble Folgen

Das Thema Berufswahlorientierung nimmt in Schulen einen immer größeren Stellenwert ein. Für die Neuntklässler des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) stehen aber keine schnöden Betriebspraktika auf dem Programm: Von Montag, 4. Mai, bis Freitag, 8. Mai, ist eine Projektwoche geplant, in der die Schüler eigene Firmen gründen und eigenständig Aufträge bearbeiten.
„Die Gemeinschaftsaktion von Schule und Wirtschaft soll es den Schülern ermöglichen, erste und direkte Kontakte zu Unternehmen aus der Region aufzunehmen“, erklärt Bernhard Oswald. Der 63-Jährige unterrichtet Deutsch und Sozialkunde am THG und ist auch für die Berufswahlorientierung zuständig. Fast jedes Frühjahr findet am THG eine Projektwoche statt, die jahrgangsbezogen aufgeteilt ist. Die vier neunten Klassen, etwa 100 Schüler, beschäftigen sich mit dem Thema „Beruf und Arbeitswelt“. Am 4. Mai stellen sich acht Firmen, darunter regionale Größen wie die VR-Bank, die Sparkasse Vorderpfalz und die städtische Marketinggesellschaft Lukom, in der Aula der Schule vor. Jede von ihnen bringt einen Arbeitsauftrag mit. Anschließend verteilen sich die Jugendlichen so, dass pro Auftrag eine Firma gegründet werden kann. Meist handelt es sich um Arbeit, die in Richtung Marketing geht. „Das kann zum Beispiel so aussehen, dass für die Barmer GEK ein Werbekonzept erstellt werden soll, das vor allem Jugendliche anspricht“, sagt Oswald. „Von den Schülern wird dann erwartet, dass sie sich zunächst über die Angebotspalette der Krankenkasse informieren und dann Plakate oder Werbespots entwerfen.“ In den folgenden Tage haben die Schülerfirmen Zeit, ihre Aufträge zu bearbeiten. Sie sind dabei völlig eigenständig und müssen sich selbst organisieren, unter anderem sogar einen Geschäftsführer wählen. Die Schüler haben während der Projektwoche keinen Unterricht und es besteht keine Anwesenheitspflicht. Am Freitag, 8. Mai, müssen alle Neuntklässler wieder auf der Matte stehen und den anderen Teams erklären, wie sie ihren Auftrag erfüllt haben. Eine Jury aus Vertretern der Betriebe, die im Vorfeld je 300 Euro in einen Topf geworfen haben, kürt dann die drei besten Schülerfirmen. Das Preisgeld wird auf alle Gruppen verteilt und staffelt sich nach der erbrachten Leistung. „Letztes Jahr hat die Gewinnergruppe 700 Euro bekommen“, sagt Oswald. „Das Geld dürfen die ,Mitarbeiter’ unter sich aufteilen wie sie wollen.“ Dieses Jahr findet die Projektwoche bereits zum sechsten Mal statt. Ganz reibungslos ist sie in der Vergangenheit nicht gelaufen. Laut Oswald arbeiten 90 Prozent der Schüler ehrgeizig mit. „Geschäftsführer können ihren Mitarbeitern aber auch kündigen, wenn sie nicht wie gefordert liefern“, sagt er. Für diese Schüler gebe es dann besondere Aufgaben in der Schule. „Wir haben einen Sozi-Raum, den man mal aufräumen müsste“, scherzt der gebürtige Ludwigshafener, der jetzt in Heidelberg lebt. Einmal sei sogar eine ganze Schülerfirma ausgeschlossen worden, weil sie bis Donnerstagmittag noch nichts zusammengetragen hatte. „Das war ein Riesenskandal“, erinnert sich Oswald. „Die Schüler müssen im Verlauf des Projekts aus ihren üblichen Mustern ausbrechen und spüren, zu was Unzuverlässigkeit führen kann.“ Das Feedback der Jugendlichen sei nach jeder Projektwoche überwältigend. Schwierigkeiten gebe es nur, wenn sie ihre Leistung als zu niedrig dotiert ansehen. „Da kann es zu Tränen kommen“, sagt der Projektleiter. „Das ist zwar nicht unbedingt gut, aber solche Schattenseiten gibt es im wahren Leben ständig.“ (mnx)