Stadtteilspaziergang: Oggersheim
Unterwegs mit einer freundlichen Lokalpatriotin
Das unverdrossene Warten auf gute Taten der Verwaltung ist Weiler jedenfalls gewöhnt. Beispiel: der Spielplatz in der Franz-von-Sickingen-Straße, eine kleine Oase inmitten dichter Bebauung im Westen von Oggersheim. Manche mögen es schon nicht mehr für möglich gehalten haben, dass die Tristesse mit einem einsamen Wipppferd in einer Sandwüste doch noch aufgelockert würde. Und jetzt beim Abstecher mit der Ortsvorsteherin: hölzerne Türme mit Unterständen verbunden mit einer Hängebrücke, Spielelemente in beiden Sandbecken.
Nicht nur Weiler ist beglückt, sondern auch die drei Mütter, die an diesem milden Januarnachmittag miteinander plaudern, während die Töchter buddeln. „Das ist jetzt mein Spielplatz“, habe ihre Tochter bei der Einweihung freudig erklärt, berichtete eine Mutter. Die sich ihrerseits als Kind mit einfacherer Ausstattung hatte begnügen müssen.
Seit 2019 „Bürgermeisterin“
Es sind diese kleinen Erfolgserlebnisse, die Weiler, seit 2019 „Bürgermeisterin“ von Oggersheim, anspornen. Andernorts wäre sie in einer 25.000-Einwohner-Gemeinde hauptamtlich tätig. Im Stadtteil stemmt sie diese Aufgabe neben ihrer 75-Prozent-Stelle als Verwaltungsangestellte beim Deutschen Gewerkschaftsbund in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr will die 55-Jährige nochmal antreten.
Bis dahin ist endlich auch die Mittelpartstraße, die wesentliche Verbindung zwischen der Melm und dem Ortskern ausgebaut. Das ist noch eine dieser Baustellen, die sich über Jahre hinziehen und Rückschläge verkraftet werden müssen, in diesem Fall zurückgehaltene Fördermittel und neue Auflagen des Landes. „Ich bin positiv gestimmt, dass sich bald etwas bewegt“, drückt sich Weiler ungewohnt diplomatisch aus. Im Klartext: Die erneuerte Zusage des Landes liegt wohl vor, ist aber noch nicht spruchreif.
Melm, nicht Notwende
Nur einmal wird Sylvia Weiler impulsiv, ansatzweise jedenfalls. Als es um die Abgrenzung der Melm von der Notwende geht, kommt die Lokalpatriotin in ihr durch. Jedenfalls sind die beiden Begriffe nicht austauschbar, wie ein Nichtbewohner des Neubaugebiets vermuten könnte. Aber wo genau die Grenze verläuft zwischen der Siedlung rund um den Weidenschlag, wo die gebürtige Oppauerin seit 30 Jahren mit ihrem Mann wohnt, und der Melm (oder doch der Notwende?), „das weiß man intuitiv“, erläutert die Lokalpatriotin in ihrem Geografie-Exkurs.
Ansonsten nimmt Weiler Gott und die Welt vor unterschwelliger Kritik instinktiv in Schutz. Dass es von den elf Bushaltestellen stadtweit nur eine aus dem größten Stadtteil ins erste Paket zum barrierefreien Umbau geschafft hat, sieht sie unverdrossen optimistisch. Sie liege doch am Friedhof und erleichtere damit gerade Senioren das Ein- und Aussteigen, kommt ihr prompt ein Vorteil in den Sinn. Und „wünscht“ sich, dass es dieses Jahr noch etwas wird mit Bordsteinabsenkung und taktilem Leitsystem für sehbehinderte Fahrgäste. Und wenn nicht, steht Oggersheim immerhin im Programm ...
Selten beschimpft worden
Ihre fröhliche, faire und verständnisvolle Art wäre eine gute Erklärung dafür, warum sie in ihrer ersten Amtszeit kaum Anfeindungen erlebt hat, so gut wie nie beschimpft oder beleidigt worden ist. Das motiviert die Vermittlerin, der man abnimmt, dass Freundlichkeit und Zuversicht ihre Motive sind, Kommunalpolitik zu gestalten.
Dass wichtig ist, was hinten rauskommt (wie es ein weltbekannter Oggersheimer, Helmut Kohl, einmal prägnant formuliert hat), zeigt sich auch am Ende der Adolf-Diesterweg-Straße. Zwischen Friedhof und freiem Blick über Ackerland nach Ruchheim ist die schmucke städtische Kindertagesstätte fertiggestellt und im Oktober eingeweiht worden. 145 Kinder tummeln sich dort. „Wenn man sich in dieser modernen Einrichtung bewegt, will man gerne nochmal Kind sein“, schwärmt Weiler.
Leben im neuen Kindergarten
Schräg gegenüber liegt eines der großen GAG-Bauprojekte in den letzten Zügen. Auf dem rund 14.000 Quadratmetern entstehen 84 öffentlich geförderte Mietwohnungen mit knapp 7000 Quadratmetern Wohnfläche in fünf Gebäuden. Dringend benötigter Wohnraum zwar, der bereits so gut wie vermietet sei. Aber die Ortsvorsteherin führt derzeit keine Warteliste mit Interessenten, die bei ihr nachgefragt haben.
Anfang des Jahres hatte eine Oggersheimerin, die am anderen Ende des Stadtteils, an der BG-Klinik bei ihren Spaziergängen mit dem Hund von zahmen Krähen begleitet wird, berichtet, mehrfach einen Fuchs am Ortsrand beobachtet zu haben. Eine solche tierische Begegnung hatte Sylvia Weiler bei ihren Touren auf dem roten Dienstfahrrad bislang nicht. Aber wenn, dann würde sie den genauso herzlich in Oggersheim begrüßen wie jeden anderen Besucher auch.
Termin
Neujahrsempfang von Ortsvorsteherin Sylvia Weiler, Samstag, 14. Januar, 11 Uhr, Festhalle in der Niedererdstraße.