Ludwigshafen „Unflexibles System“
Stephan Beer (50) ist ein hartnäckiger Zeitgenosse und lässt bei seinen Themen nicht so schnell locker. Das bürgerschaftliche Mitglied im Sozialausschuss engagiert sich ehrenamtlich unter anderem für Flüchtlinge und als Rentenberater – und wird immer dann zum Fürsprecher einer Gruppe, wenn er der Meinung ist, dass diese seine Unterstützung nötig hat. Eine solche Gruppe hat er nun mit alten Menschen ausgemacht, die bettlägerig und regelmäßig auf medizinische Hilfe angewiesen sind – speziell um Katheter zu wechseln. Für diese Patienten werde es dann kritisch, wenn sie ihr Haus nicht mehr verlassen sollen und die erforderlichen Fachärzte keine Zeit für Hausbesuche haben. „Und Transporte sind für diese Menschen anstrengend und mit Risiken behaftet. Außerdem sind sie aufwendig und teuer“, beklagt Beer. Daher ist er vom Konzept der mobilen Krankenschwestern überzeugt. Fakt sei, dass Ärzte oft nicht mehr die Zeit für Hausbesuche hätten, „obwohl sie dafür durch den Bundesmantelvertrag verpflichtet sind“, so Beer. Somit könnten die Mediziner mit dem Modell bei Hausbesuchen entlastet werden. Mobile Krankenschwestern würden auch schon eingesetzt. Damit dies auch in Ludwigshafen klappt, müssten entsprechende Verträge und Vereinbarungen geschlossen werden – auch um die Haftungsfragen zu regeln. Doch das wird wohl noch einige Zeit brauchen. CDU-Mitglied Beer will sich hier weiter einbringen: „Man würde Ärzte entlasten und die Patienten müssten ihre Wohnungen nicht mehr verlassen“, zählt er Vorteile auf. Zudem wären die Krankentransporte dann nicht mehr so überlastet, Wartezeiten könnten verringert werden. Der ungeduldige Beer weiß: „Es geht um eine bundesweite Initiative, das ist ein langwieriger Prozess, da geht es um Politik.“ Vor Ort könnte so ein Modell über Ärztenetzwerke – wie die Go-Lu – organisiert und umgesetzt werden. Damit so ein Konstrukt aber Wirklichkeit werden kann, müssen im Gesundheitswesen die zentralen Akteure mit ins Boot: also die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigungen. Beer weiß zwar um den Faktor Geduld, drängt aber aufs Tempo: Seiner Meinung nach besteht aktuell die Gefahr, dass alte Patienten speziell im Bereich Urologie nicht oder nur unzureichend versorgt werden. Aber es geschehe nichts, sagt er: „Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen. Wir kranken hier an einem unflexiblen System.“ Die Verbände zeigen sich offen Die Spitzenverbände von Kassen und Ärzten – die einen sichern die medizinische Versorgung, die anderen die Bezahlung – teilen diese Einschätzung von Beer jedoch nicht. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz sollen mobile Krankenschwestern nach Anweisung eines Arztes Hausbesuche übernehmen – meist gehe es dann neben der Therapie um eine überwachende Tätigkeit. Erforderlich sei für die Pflegekräfte „eine besondere Qualifikation“. In Rheinland-Pfalz würden schon 500 solcher Kräfte vor allem in Hausarztpraxen eingesetzt. Aktuell werde zudem getestet, dass sich Ärzte via Videokonferenz zuschalten können. Denkbar sei, dass mobile Krankenschwestern von Ärztenetzen eingesetzt werden. Die Kassenärztliche Vereinigung räumt auf Nachfrage ein: „Durch zunehmenden Ärztemangel haben immer mehr Ärzte immer weniger Zeit für Hausbesuche.“ Mobile Krankenschwestern könnten dabei „wirkungsvoll entlasten“. Laut Kassenärztlicher Vereinigung setzt die Go-Lu auch schon neun mobile Krankenschwestern zur Versorgung von herzkranken Patienten ein. Jedoch: „Ein weitergehendes Modell ist uns bislang nicht bekannt.“ Auf jeden Fall sei die Vereinigung offen für „neue Konzepte“ – wie dem der mobilen Krankenschwestern. Entscheidend sei das Mitwirken der Krankenkassen. Von diesen heißt es: Der Einsatz von mobilen Krankenschwestern sei möglich, „dies passiert aus unserer Sicht noch viel zu selten“. So gebe es mit der Go-Lu einen Zusatzvertrag, der den Einsatz von nichtärztlichen Praxisassistenten, wie die mobilen Krankenschwestern auch heißen, bei chronischer Herzinsuffizienz regele, so der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) in Berlin. Der Verband sagt, dass „einige Weichen“ gestellt worden seien. Bisher sei es um Pilotprojekte und deren Abrechnungsfähigkeit gegangen. Der Verband bewertet die ambulante ärztliche Versorgung in Ludwigshafen als gut. In Einzelfällen könne es aber zu Engpässen kommen. Insgesamt liegt in den Augen der Gesetzlichen Krankenkassen in der technischen Entwicklung „eine große Chance“. Mit dem Ärztenetzwerk Go-Lu habe die IKK „sehr gute Erfahrungen“ gemacht. Es gebe erste organisatorische und personelle Strukturen. Dies sei wichtig für künftige Projekte. Andreas Werling, Allgemeinmediziner in Süd und Sprecher des örtlichen Ärztenetzwerks Go-Lu, kennt all diese Überlegungen und Modelle. Auch mit dem Wunsch von Stephan Beer ist er vertraut. Dennoch sei dieser nicht so einfach umzusetzen. Beim Thema Herzinsuffizienz seien Verträge mit Krankenkassen geschlossen worden, und es gebe mobile Krankenschwestern. „Menschen mit Herzschwächen müssen oft wieder ins Krankenhaus. Das wollen wir durch die Schwestern als Frühwarnsystem vermeiden.“ Das Konzept habe sich auch bewährt, so Werling. Allerdings lasse sich dieses Modell nicht einfach so auf den urologischen Bereich übertragen, da man fürs Wechseln von Kathetern Spezialwissen und Routine brauche. Man müsste also urologische Praxen mit entsprechend ausgebildeten Personal für ein solches mobiles Modell finden. Das könne die Go-Lu aber nicht leisten. Sie sei ein freiwilliger Zusammenschluss von Ärzten, aktuell sei nur ein Urologe Mitglied. Beers Ansatz könne er nachvollziehen, die Weichen dafür müssten aber bundesweit gestellt werden. „Wir als Ärztenetz haben dafür nicht die Strukturen und sind nicht der richtige Adresse“, so Werling. Er verspricht aber, mit dem Urologen, der Mitglied bei Go-Lu sei, zu sprechen und mit diesem das Thema der mobilen Schwestern in diesem Fachgebiet zu erläutern.