Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Und Action!“: „Wer fuhr den grauen Ford?“

Führte zum ersten und einzigen Mal Regie: Otto Wernicke.
Führte zum ersten und einzigen Mal Regie: Otto Wernicke.

Der Mannheimer Postraub von 1949 gehört zu den spektakulärsten Kriminalfällen der Nachkriegszeit. Er war so spektakulär, dass er schon ein Jahr später verfilmt wurde.

Selbst wenn dieser Film nie gedreht worden wäre – der Postraub von 1949 hätte wahrscheinlich trotzdem heute noch seinen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Mannheimer Bevölkerung. Und das liegt nicht nur an der extrem hohen Beute von 160.000 Mark, eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Summe, die nach Angaben des Mannheimer Stadtarchivs Marchivum einer heutigen Kaufkraft von etwa 3,5 Millionen Euro entsprechen würde. Es liegt auch an den besonderen Umständen, den kuriosen Zufällen und dem Pech, dass die Unglücksraben von Verbrechern hatten.

Der tatsächliche Postraub ereignete sich am 9. Juni 1949, einem Donnerstag. Unweit des Hauptbahnhofs, in der Heinrich-Lanz-Straße, verließ, so schreibt es das Marchivum, gegen 9.40 Uhr ein Elektropostwagen den Hof des Postamts II. Der 19-jährige Peter Breunig folgte dem Postwagen auf den Kaiserring, in die Bismarckstraße und zwischen die Quadrate L10 und L12. „Dort überholt er mit einem gestohlenen grauen 49er Ford den Postwagen, stellte sich quer vor diesen und zwang den Fahrer so zum Anhalten“, schreibt das Marchivum. Gemeinsam mit seinen herbeigeeilten Komplizen Robert Knabenschuh („Pango“) und Günter Hörner bedrohte Breunig den Fahrer und zwei weitere Postbeamten mit großkalibrigen Pistolen der US-Armee. Sie raubten den Sack mit besagten 160.000 D-Mark und jagten in dem Ford davon: über die Breite Straße zum Parkring, weiter über die Hafenstraße und Werftstraße in Richtung Jungbuschbrücke. Gegen 15 Uhr sei das Fahrzeug von Spaziergängern im Hüttenfelder Wald in Südhessen entdeckt worden.

Schwierige Ermittlungen

Eigentlich hatten die Gangster ein ganz anderes Auto als Fluchtauto auserkoren: Tage zuvor hatten sie einem US-Leutnant in Zwingenberg seinen roten Chevrolet gestohlen. „Weil der Chevy aber den Geist aufgab, stahlen sie – kaum zu fassen – demselben Leutnant ein paar Tage später seinen grauen Ford. Man kann den hilflosen Zorn des Soldaten bis heute erahnen“, hieß es im September 2007 in einem Artikel im Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Anlass für den Bericht vor knapp 20 Jahren war die Ausstellung „Spurensuche“ in der Fotogalerie Zephyr der Reiss-Engelhorn-Museen, in der Polizeifotografien aus dem Jahren 1946 bis 1971 gezeigt wurden. Auch solche vom Mannheimer Postraub. Der nicht nur wegen seiner spektakulären Beute Schlagzeilen machte, sondern auch wegen der schwierigen Aufklärung: Nachdem zunächst ein Verkehrspolizist das Kennzeichen falsch notiert hatte, tappten die Ermittler monatelang im Dunkeln. Warum die Polizei den Tätern schließlich doch noch auf die Spur kam? Unter anderem wegen einer mit Kot verschmierten Tankquittung, auf die eine Telefonnummer notiert war. Sie führte letztlich zu den Verbrechern.

Der Film „Wer fuhr den grauen Ford?“ handelt die Tat selbst ganz schnell ab und konzentriert sich auf die Suche nach den Tätern. Die nicht als Monster dargestellt werden, sondern als junge Menschen, die vom rechten Pfad abgekommen sind: Das Verständnis für die im Faschismus und vaterlos aufgewachsene Generation, die zum Teil ganz jung in der letzten Kriegsphase noch zum Dienst an der Waffe berufen wurde – es drückt sich in der Person des Kriminalkommissars Thieme aus, der am Ende des Films sagt: „Niemand hat sich um sie gekümmert.“ Dass sie verhaftet und verurteilt werden, verhindert er aber natürlich nicht.

Bekannte Namen

Gespielt wird dieser menschliche Ermittler von Otto Wernicke, der hier zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben (1893-1965) Regie führte. Wie „Der Spiegel“ 1950 schrieb, hatte die Filmarbeit in Mannheim und Umgebung „einige Aufregung entfesselt“. Die Oberpostdirektion Karlsruhe habe die Bereitstellung von posteigenen Geräten und Fahrzeugen für die Dreharbeiten untersagt, weil sie eine Schädigung des Ansehens der Post gefürchtet habe. Eine Tante von zwei der verurteilten Straftäter und Besitzerin einer Eck-Kneipe habe „Freunde mobilisiert“. Eine KP-Landtagsabgeordnete habe mit anderen Frauen gegen den Film protestiert, weil sie die Verherrlichung von Verbrechern gefürchtet habe. Produzent und Kameramann Paul Pfeiffer drohe ein Zusammenbruch „wegen Ärger, schwieriger Dispositionen, Kummer mit wenig verlässlichen Mitarbeitern und Mangel an Geld“. Der erste „allzu wienerische“ Regisseur Wolfdieter Friese sei gegangen, Wernicke habe das Projekt als Regisseur gerettet – nach häufigem Umschreiben des Drehbuchs.

Autor dieses Drehbuchs war Kurt Joachim Fischer (1911-1979). Er war der Gründungsdirektor der Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche im Mai 1952, aus der das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg hervorgegangen ist – und der Stiefvater von Hansgünther Heyme, von 2004 bis 2014 Intendant des Theaters im Pfalzbau in Ludwigshafen. Heyme, der im August seinen 90. Geburtstag feiern wird, wird uns in der nächsten Folge dieser Serie beschäftigen – weil er 1958 eine kleine Rolle im Mannheimer Kultfilm „Warum sind sie gegen uns?“ hatte.

Krimi und Liebesgeschichte

Zurück aber zu diesem anderen Mannheimer Kultfilm „Wer fuhr den grauen Ford?“ Der aus mehreren Gründen heute noch sehenswert ist. Der große Kabarettist und Schauspieler Wolfgang Neuss (1923-1989) hatte hier zum ersten Mal einen Auftritt in einem Film. „Wer fuhr den grauen Ford?“ ist nicht nur ein Krimi, sondern erzählt auch die Liebesgeschichte von Peter alias „Penny“ (Erich Scholz) und der Buchhändlerin Renate Münster (Ruth Hambrock), die nichts von seinen krummen Dingern ahnt und mit der er gerne ein neues Leben begonnen hätte. Ein Ausflug, bei dem schöne Bilder entstehen, führt sie zum Heidelberger Schloss.

Ansonsten ist „Wer fuhr den grauen Ford?“ aber ein durch und durch Mannheimer Film. An Originalschauplätzen gedreht, zeigt er die in Trümmern liegende Stadt und die Reichsautobahn. Mit Günther Erich Martsch spielte auch ein Schauspieler des Nationaltheaters mit. Und die Uraufführung war ebenfalls in Mannheim: am 12. Oktober 1950 in den Palast-Lichtspielen in N7 – ganz in der Nähe des echten Postraubs.

Die Serie

Mannheim und Umgebung sind immer wieder Schauplatz für Kinofilme. Die bekanntesten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart stellen wir in dieser Serie vor.

Die Straße zwischen den Quadraten L10 und L12 war einer der Schauplätze des Postraubs von 1949.
Die Straße zwischen den Quadraten L10 und L12 war einer der Schauplätze des Postraubs von 1949.
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