Ludwigshafen Unbekannte Stoffe das größte Problem

„Ludwigshafen ist der größte Chemiestandort Europas. 6500 verschiedene Stoffe werden hier produziert und umgeschlagen. Jeden Tag haben wir 16.000 Gefahrstofftransporte auf der Straße, der Schiene oder zu Wasser“, macht der stellvertretende Feuerwehrchef Stefan Bruck die Sonderstellung der Stadt deutlich. „Der größte Einsatz 2014 war das Gasunglück in Oppau. Hier mussten wir erkunden, ob durch Gas im Boden oder Hohlräume noch eine Gefahr besteht“, beschreibt Bruck die damalige Aufgabe. Die Einsatzmöglichkeiten der Gefahrstoffeinheit sind zahlreich. Da ist der „klassische“ Verladeunfall im Hafen, bei dem mit Chemikalien gefüllte Container beschädigt werden. Oder der umgefallene Tanklastzug auf der nahen Autobahn, aus dem eine unbekannte Flüssigkeit ausläuft. Dazu gehören aber auch von Umweltfrevlern illegal „entsorgte“ Behälter mit chemischen Substanzen oder plötzlicher Gasgeruch in einer Wohnung. Zu 130 Einsätzen dieser Art rückte die Einheit im vergangenen Jahr aus. „Das größte Problem für uns sind unbekannte Stoffe. Hier geht es darum, schnellstmöglich zu klären, ob davon eine Gefahr ausgeht“, nennt Teamleiter Martin Meinhardt das wichtigste Ziel. Das erhöhte Gefahrenpotenzial erfordert besondere Fähigkeiten von der Feuerwehr. Daher sei ihre technische Ausstattung einmalig in Rheinland-Pfalz, sagt Bruck und verweist auf Messgeräte wie mobile Infrarotspektrometer und Gaschromatographen. Mit ihnen ist eine Analyse fester, flüssiger und gasförmiger Stoffe schon vor Ort möglich. So wurde die Feuerwehr um Hilfe gebeten, als die Polizei bei einer Hausdurchsuchung einen unbekannten Stoff in einer Plastiktüte fand. Ein anderes Mal erhielt ein Empfänger einen dubiosen Brief. Neben den Zeilen „Fahr zur Hölle! Niemand mag dich!“ befand sich ein weißes Pulver. In beiden Fällen rückten sofort Mitglieder der Gefahrstoffeinheit aus. Ihr ABC-Erkundungswagen ist vollgepackt mit Messtechnik. Gesichert durch ihre Schutzanzüge konnten die Wehrmänner kleine Proben entnehmen. Recht schnell entpuppten sich die Substanzen als harmlos. „Bei Großbränden wie 2013 in der Lagerhalle auf der Parkinsel kommt es darauf an herauszufinden, welche Schadstoffe in der Luft sind“, nennt Bruck ein Einsatzgebiet. Der Erkundungswagen funktioniere dann als fahrender Messwagen. „Bei großen Einsätzen werden die baugleichen Fahrzeuge der Feuerwehren in Speyer und Worms mit angefordert“, lobt Bruck die Zusammenarbeit. Wie im Fall des Lagerhallenbrands verteilen sich die Messwagen über das Stadtgebiet und geben ihre Messdaten zu Schadstoffen an die Zentrale weiter. Hier kommt das Computerprogramm „Simba“ zum Einsatz. „Anhand der Wetterdaten , die von der Feuerwehr rund um die Uhr erfasst werden, kann Simba die Ausbreitung einer Rauchwolke vorausberechnen“, erläutert Chemiker Wolfgang Fischer, der mit seinem Fachwissen Feuerwehr und Umweltbehörde zur Seite steht. Plötzlich ertönt in der Wache ein Warnsignal, Lichter gehen an. Gasalarm! Gemeldet wird Gasgeruch in einer Wohnung in Oggersheim. Einsatzleiter Meinhardt lässt alles stehen und liegen. Seine Einheit rückt aus.