MANNHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Umkämpfter Markt: Kunststoff-Spezialist Gehr plant Expansion nach Asien

Blick auf den Standort im Süden Mannheims: Die Photovoltaikanlage zählt zu den größten in Mannheim.
Blick auf den Standort im Süden Mannheims: Die Photovoltaikanlage zählt zu den größten in Mannheim.

Die Gehr GmbH hat schon Mannheimer Industriegeschichte geschrieben. Zuletzt hat der Kunststoff-Spezialist mit einer riesigen Photovoltaikanlage auf sich aufmerksam gemacht. Das Unternehmen behauptet sich in einem umkämpften Markt.

Der Mittelstand gilt seit vielen Jahrzehnten als der Motor der deutschen Wirtschaft. Nicht wenige dieser Unternehmen bewegen sich in einer Nische, die der breiten Öffentlichkeit oft wenig bekannt sind. Der Kunststoff-Spezialist Gehr in Mannheim-Rheinau ist so ein Beispiel. 1932 gegründet, setzt das Familienunternehmen auf Tradition und geht dennoch mit der Zeit. Ein Blick von oben auf die Werkshallen belegt das. Eine der größten Photovoltaikanlagen Mannheims ist dort im vergangenen Jahr in Betrieb gegangen. Die Panels erstrecken sich über eine Fläche von 10.000 Quadratmetern. Laut Unternehmenschef Helmut Gehr sind dafür etwa zwei Millionen Euro investiert worden. Das Unternehmen gehört nach eigenen Angaben seit mehr als 90 Jahren zu den führenden Herstellern von thermoplastischen Kunststoff-Halbzeugen, also Werkstücken und Rohmaterialien, die andere Firmen dann weiterverarbeiten.

Die dritte Generation: Helmut Gehr steht an der Spitze des Unternehmens.
Die dritte Generation: Helmut Gehr steht an der Spitze des Unternehmens.

Nicht nur das Unternehmen profitiert von dieser Investition, auch für die Stadt ist das ein wichtiges Projekt. Es gilt als Beitrag auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt, die Mannheim bis 2030 sein will. Dafür will sie ihren CO2-Ausstoß bis dahin um rund 80 Prozent senken. Stichwort ist der „Local Green Deal“. Dazu passt, dass Gehr in der Produktion im Stammwerk zu 100 Prozent auf Ökostrom umgestellt hat. Während die Stadt gerne mit solchen Unternehmen wirbt, ist der Kunststoff-Spezialist in einem hart umkämpften Markt tätig. Schreibgeräte und Kosmetik sind zwei wichtige Säulen für das Familienunternehmen. Kunden sind etwa der Stifte-Hersteller Schwan-Stabilo, für den in Mannheim die Hülle produziert wird, und Kosmetik-Hersteller L’Oréal. In den vergangenen beiden Jahren sind bei dem Mannheimer Unternehmen die Umsätze zurückgegangen. Laut Gehr im Jahr 2023 um 30 Prozent, im vergangenen Jahr um acht Prozent. Der Unternehmenschef betont aber: „Wir sind gesund. Für dieses Jahr haben wir die Hoffnung, wieder zuzulegen. Kosmetik geht gerade wieder hoch.“ Die Hochleistungskunststoffe von Gehr werden darüber hinaus zum Beispiel in der Medizin verwendet – „für Implantate“, wie Gehr erklärt.

„Fünf, sechs Bälle in der Luft“
Schreibgeräte und Kosmetik sind zwei Säulen des traditionsreichen Unternehmens.
Schreibgeräte und Kosmetik sind zwei Säulen des traditionsreichen Unternehmens.

Die Dynamik auf den Märkten ist im Vergleich zu früher viel größer geworden. „Früher hatten wir zwei Bälle in der Luft, heute sind es fünf oder sechs“, sagt Helmut Gehr. Was ihm Sorge bereitet: Immer mehr Rohstoffhersteller würden sich von Deutschland und Europa verabschieden. Als Gründe nennt er die Energiekrise und Umweltauflagen. Im Kunststoffbereich werde China immer wichtiger. Dort werde im großen Stil aufgebaut“, berichtet er. Für ein „Grummeln im Bauch“ sorge diese Entwicklung bei ihm. „Wenn es darum geht, was gebraucht wird, sitzen wir nicht mehr in der ersten Reihe.“

Weil die Musik also mehr und mehr in Asien spielt, denkt Helmut Gehr darüber nach, seine Produktion nach Asien auszuweiten. „Wir brauchen dort einen Standort“, betont er. Neben Mannheim hat man jetzt schon einen weiteren Produktionsstandort im US-Bundesstaat Pennsylvania. Hinzu kommen mehrere Verkaufsbüros auf der ganzen Welt. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 230 Mitarbeiter, davon 160 in Mannheim.

Das Hightech-Projekt

An einem Hightech-Projekt, das im Sommer 2023 vorgestellt worden ist, war Gehr in der Nähe von München beteiligt. Die Rede ist von Hyperloop. Die Idee: Passagiere sollen damit irgendwann einmal mit mehr als 800 Kilometern pro Stunde in luftleeren Röhren von A nach B reisen – also nicht nur schnell, sondern auch emissionsarm. Auf einer Strecke der Technischen Universität München am Campus Ottobrunn/Taufkirchen wird die Technik getestet. Besondere Platten der Hyperloop-Röhre sind in Mannheim gefertigt worden. Die Jungfernfahrt fand am 10. Juli 2023 statt. Milliardär Elon Musk hat das Konzept für das Hochgeschwindigkeitsverkehrssystem, das mit einer Magnetschwebebahn vergleichbar ist, 2013 vorgestellt. Auch dieses Beispiel zeigt: Helmut Gehr hat eben mehr als zwei Bälle in der Luft.

Mehr zum Thema
x