Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ulrich Thul: Maler und Sozialarbeiter

„Ich bin mein eigener Auftraggeber und Regisseur“: Ulrich Thul.
»Ich bin mein eigener Auftraggeber und Regisseur«: Ulrich Thul.

Ulrich Thul ist in der Kunstszene der Region kein Unbekannter. Er kann für eine geglückte Verbindung zwischen brotloser Kunst und einem mit Hingabe ausgeübten Brotberuf gelten.

Seit 45 Jahren lebt Ulrich Thul in Ludwigshafen, seit zwölf Jahren unterhält er ein Atelier im Umspannwerk in der Raschigstraße. Jetzt steht der 65-Jährige kurz vor dem Rentenalter. In Schweich bei Trier aufgewachsen, führte ihn das Studium der Sozialpädagogik nach Ludwigshafen. Da hatte der 19-Jährige schon eine erste Einzelausstellung in der Sparkasse in Schweich vorzuweisen. Für eine glückliche Fügung hält er es, dass ihm unmittelbar nach dem Studium eine feste Anstellung bei der Caritas angeboten wurde. Die Wohlfahrtsinstitution der katholischen Kirche baute damals in Ludwigshafen eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen auf. Inzwischen ist Ulrich Thul seit bald 20 Jahren Leiter der Tagesstätte im Förderzentrum in der Kaiser-Wilhelm-Straße.

Früher viele Ausstellungen

In der Anfangszeit seiner Beschäftigung erlaubte ihm sein Arbeitgeber großzügig, nebenher noch Pädagogik in Frankfurt am Main zu studieren. Inzwischen verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, pendelte der junge Sozialarbeiter nicht nur zwischen den Städten, sondern er betätigte sich auch weiterhin künstlerisch. Schon als Jugendlicher hatte er nebenher Kurse an der Europäischen Kunstakademie in Trier belegt. In Ludwigshafen bemühte er sich jetzt um Ausstellungen. Damals, wie er sich erinnert, hatte er noch jedes Jahr drei bis vier Einzelausstellungen in der Stadt und in der Umgebung. Inzwischen sind es weniger, denn die Konkurrenz ist härter geworden. „Es ist schwieriger als früher, sich auf dem Kunstmarkt zu positionieren“, sagt er. „Das liegt daran, dass es inzwischen sehr viele Künstler in der Rhein-Neckar-Region gibt. Nicht nur professionelle, sondern auch Hobbykünstler, die sich am populären Geschmack orientieren und für Kreativmärkte produzieren.“

Zuletzt hatte Ulrich Thul bis Ende September eine Ausstellung in der Galerie Roter Turm in Grünstadt. Titel: „Auf die Blätter – fertig – los!“, weniger eine Anspielung auf die eben erst zu Ende gegangenen Olympischen Spiele in Paris als ein Hinweis auf seine spontane Arbeitsweise. Eine Ausstellung beim Kunstverein in Römerberg hat er demnächst in Aussicht. Früher war Ulrich Thul regelmäßig bei Günther und Eleonore Wilhelm in der Hartmannstraße 45 zu Gast. Auch in der Scharpf-Galerie oder im Bloch-Zentrum, auch im Kunsthaus Oggersheim hatte er damals Ausstellungen. Immer wieder war er Teilnehmer am russisch-deutschen Künstleraustausch „Quattrologe“. Wegen Zerwürfnissen über den Ukraine-Krieg ist die wechselnde Begegnung in Sotschi an der Schwarzmeerküste und in Ludwigshafen inzwischen ausgesetzt.

Die Bedeutung des Zufalls

Auf Ausstellungen und Aufträge ist der Künstler aber durch seinen Brotberuf ohnehin nicht angewiesen. „Ich bin mein eigener Auftraggeber und Regisseur“, sagt er. „Über ein Kaufinteresse freue ich mich. Aber von dem Verkauf meiner Bilder könnte ich nicht leben. Er bringt mir bestenfalls die Material- und Mietkosten für das Atelier ein.“ Seine berufliche Unabhängigkeit hat außerdem den Vorteil, dass er dem Zwang, als Künstler einen Massengeschmack zu bedienen und malen zu müssen, was ankommt, enthoben ist.

Dabei war er vor die herbe Entscheidung, zwischen Kunst und Broterwerb wählen zu müssen, nie gestellt. Schon als Jugendlicher habe er Interesse an beidem gehabt, an Sozialarbeit wie an Malerei, betont er. Überhaupt stellt sich ihm sein Leben im Rückblick so ungezwungen und spielerisch leicht dar, wie er an seine Kunst herangeht. Begonnen hat Ulrich Thul freilich mit konstruktiv-geometrischer Kunst, mit Op Art im Stil Victor Vasarelys, die eine akkurate Arbeitsweise verlangt und den Künstler unter ihr Gesetz beugt. Ihre Strenge hat er langsam gelockert, sich auf die Suche gemacht und von der Acrylfarbe zur Tusche gewechselt. Richtungweisend war schließlich die Begegnung mit dem ein paar Jahre älteren Speyerer Künstler Klaus Fresenius: „Er hat mir gesagt: Der schnelle Strich, das ist deine Sache.“

Diesen Ratschlag befolgt er bis heute. An den Wänden seines Ateliers hängen zahlreiche unvollendete Bilder. Manchmal fügt er ihnen, im Vorübergehen oder wenn ihm gerade ein Einfall kommt, etwas hinzu. Ölfarben, Tusche oder auch Zeichnungen mit Bleistift sind sein Material. Auch Experimenten mit Besen und Bürsten, Schwämmen und Sieben ist er nicht abgeneigt. Manchmal ist zuerst der Titel da, den er dann im Bild veranschaulicht; manchmal lässt er sich auch treiben, und der Titel steht am Ende des Malprozesses. Immer aber kommt dem Zufall ein gehöriger Einfluss zu.

„Thul gibt sein Letztes“

Selbst die Abfallprodukte gehen noch in seine Kunst ein. Auf einem Regal im Atelier stehen an die hundert Gläser, gefüllt mit Bleistiftstummeln, Farben, Stiften, Textilresten und anderem Krimskrams. Titel der Sammlung: „Thul gibt sein Letztes“. Humor und Ironie, also Witzen, Wortspielen und Unerwartetem ist Ulrich Thul sehr zugetan, was ihn in die Nähe der Dadaisten und Surrealisten rückt. „Tigermücke mit Schweinegrippe“, „Reptilienfamilien“, „Führungsrolle einer Frühlingsrolle“ oder „Vom Scherzchirurgen zum Wutdruckmesser“ heißen so einige Titel seiner Ausstellungen oder seiner Bilder. Meistens steht der Titel auch auf dem Bild, denn Beschriftung ist Teil seiner emblematischen Kunst.

„Kunst gefährdet Ihre mentale Belanglosigkeit“ steht da in seinem Atelier neben Fotos, die an die Verleihung des rheinland-pfälzischen Designpreises 2014 in Mainz erinnern. Dazu kommen viele Reiseerinnerungen, denn Ulrich Thul hat mit seiner Frau Elfie schon alle Kontinente bereist. 2012 hatte er sogar eine Ausstellung mit 50 Reiseskizzen im Café Zara in Peking. Der chinesische Inhaber ist mit einer Deutschen verheiratet, und das Ehepaar war einer Ausstellung gegenüber sofort sehr ausgeschlossen. Zurzeit ist Ulrich Thul im Urlaub in Kroatien. Mal sehen, was für Bilder oder Ideen er mitbringen wird.

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