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Der Nachtwandel erfreut sich auch in der 19. Ausgabe großer Beliebtheit.
Der Nachtwandel erfreut sich auch in der 19. Ausgabe großer Beliebtheit.

Beim 19. Kulturfest Nachtwandel werden Hinterhöfe zu magischen Orten, Kneipen zu Konzertsälen und Hafencontainer zu Kunstobjekten. Gut 25.000 Besucher kamen .

Das Kulturfest beweist, wie ein ganzer Stadtteil zur Bühne für funkelnde Vielfalt und lebendige Kreativität werden kann. Da ist man um kurz vor 23 Uhr schon auf dem Nachhauseweg, hat Musik von Post-Punk bis Rumänische Folklore aufgesogen, Kunst an surrealen Orten entdeckt, unterschiedliche Eindrücke gesammelt, sich durch immer dichter werdende, bunte Straßenzüge gequetscht – und wird doch noch mal gepackt. Von einem energetischen Sound mit Sogwirkung. Von einer Brass-Band, die als Walking Act für eine Überraschung beim etablierten Nachtwandel sorgt.

Die „Heavy Bones“, eine Kooperation der städtischen Musikschule und der Orientalischen Musikakademie, spielen mit ihren golden schimmernden Messinginstrumenten mitten auf der Straße. Mit Tuba und Trompete sorgen sie für New-Orleans-Vibes im „Busch“. Ganz eng kuscheln sich die tanzenden und mitsingenden Spontan-Zuhörer an die coolen Musiker. So entsteht eine direkte Verbindung, wie ohnehin bei den insgesamt 72 Stationen.

Einfach treiben lassen

Rote Sterne auf dem Boden, Lichter und Farben, Geräusche und Gerüche weisen beim Kultevent traditionell den Weg. Im Grunde ist jeder Programmpunkt ein Eintauchen in eine andere Galaxie. Eben noch lauschte man italienischen Schmachtfetzen wie „Gloria“ von Umberto Tozzi, durchfuhr einen das Gefühl, wieder im Rimini-Club-Urlaub in den 1980ern zu sein, da erklingen ein paar Schritte weiter Salsa-Rhythmen, tanzen Besucher vor einem peruanischen Lokal, während andere Nachtschwärmer lachend aus einem Underground-Rave in der Lyftoh-Bar stolpern.

Beim Nachtwandel muss man sich nicht entscheiden. Es gilt, sich einfach treiben zu lassen, zu entdecken. Wie bei einem Film ohne Schnitt ist es ein übergangsloses Voranschreiten von einem Setting ins andere: von Post-Punk-Bands in der Aral-Waschanlage über eine „FemmeArt“-Ausstellung hin zu Newcomer-Konzerten in der Popakademie. „Soll mer mo gucke?“, fragt eine Frau in der Werftstraße ihre Clique, gefolgt von einem „Wow! Abgefahren!“, als sie im Hinterhof des Coworking-Projekts „Raben-Engel-Odenwälder“ stehen.

„Das ist einmalig“

Eine Discokugel schwebt über den Köpfen hinweg, an einer Hauswand schwirren die wie bunte Bakterien aussehenden „Little Lads“ der Künstlerin Nibrov umher. Alles wirkt magisch, irgendwie verwunschen und dem Alltag entrückt. Drogen braucht es für diesen Trip nicht, aber viel Vorbereitung. „Ich verfluche mich jedes Jahr, dass ich wieder mitmache“, sagt Chris Drumm und lacht. Seit 2010 ist der Visualisierungskünstler mit seinem Team beim Nachtwandel dabei. Wenn dann aber die von Jahr zu Jahr wachsende Gesamtinstallation leuchtet, die Leute staunen und für die Antighost-Ausstellung in der Siebruckgalerie Schlange stehen, denkt er sich: „Schon geil.“

Denn darum geht es beim Wandeln durch die Nacht. Ob Ateliers, Werkstätten oder Bars, Vereine, soziale Einrichtungen oder kreative Ideen der Bewohner: Ein ganzer Stadtteil öffnet sich für ungeahnte Einblicke und zieht dafür an einem Strang. „Ich kenne viele Stadtfeste, aber so etwas gibt es sonst nicht, der Nachtwandel ist einmalig“, sagt Raphael Manz aus Wiesloch. Sonst Stammbesucher, ist er diesmal selbst Akteur und lässt in einem Kunst-Container am Verbindungskanal mit seinen Pinguin-Zeichnungen die Herzen (vor allem der Besucherinnen) aufgehen.

Stadtteil hat sich verändert

Das Herzstück aber ist der Sackträgerplatz in der Beilstraße. Dort tanzen vor allem die Bewohner, spielen Kinder bis spät in die Nacht, wenn der deutsch-türkische Musiker Sinan, selbst ein Kind des Jungbuschs, die Langhalslaute Saz ansetzt, sich zuvor Fremde an den Händen fassen und einen immer größeren Kreis bilden, als wollten sie demonstrieren, wie schön ein multikulturelles Stadtbild sein kann. Auch Taj, gebürtig aus Pakistan, macht mit. Am Markt der Vielfalt kredenzt seine Familie Samosas und andere Speisen. Seit 1993 lebt er im Jungbusch. „Die Kulturen interagieren hier miteinander, der Stadtteil hat sich positiv gewandelt“, sagt er und denkt an Schießereien, Drogen- und Mafia-Probleme in den 1990ern zurück.

Doch nicht nur die Kulturen, auch die Generationen treffen sich. Auffallend viele Anfang-20-Jährige haben den Nachtwandel für sich entdeckt, andere sind schon seit 20 Jahren dabei. „Wir sind nicht alt, wir sind nur sehr lange jung geblieben“, sagt Doris aus Rheinau energisch, als sie mit Freundin Elke durch die Nacht streift. Aus einer Club-Bar voller Nebel treten sie aus, dann schreiten sie weiter, durch ein hell erleuchtetes Nachtwandel-Universum.

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