Ludwigshafen
Tierheim funkt SOS: Wir sind am Limit
„Wir können nur noch Hunde aus Einweisungen und Fundtiere aufnehmen. Alle anderen müssen wir ablehnen“, bedauert Panja Bergmann. Zurzeit leben 32 Hunde, 71 Katzen und 39 Kleintiere im Ludwigshafener Tierheim. Eine Anzahl, die kaum noch zu managen sei. „Wir müssen aus Platzgründen auch Katzen zusammensetzen, die sich überhaupt nicht vertragen, das gibt unnötigen Stress für Tiere und Pfleger. Unlängst wurde eine Pflegerin von einer Katze angefallen.“ Die Personaldecke sei haarscharf kalkuliert, ausfallen dürfe da keiner. Für Extras sei keine Zeit. „Wir rennen dem Tagesgeschäft immer hinterher“, resümiert Bergmann. Nicht selten komme es zu Fällen wie die einer Fundkatze mit sechs Kitten, also Jungtieren. „Da ist unsere Quarantäne erst mal voll.“
Beschimpfungen, Drohungen
Was für die Mitarbeiter aber schlimmer als die viele Arbeit sei, seien die unliebsamen Begegnungen mit Haltern, die ihre Tiere loshaben möchten. Bergmann: „Da muss man moralisch schon gefestigt sein, um sich solchen Gesprächen stellen zu können. Da kommt es zu Beschimpfungen, Androhung von Euthanasie oder dem Aussetzen des Haustiers. Ich kläre dann auch auf, dass das Aussetzen eines Tieres ein Straftatbestand ist. Aber wir können nun mal keine Tiere mehr aufnehmen.“ Irgendwann seien die Grenzen erreicht, finanziell und personell. „Wie sollen wir unsaubere Katzen und 13-jährige Hunde vermitteln? Solche Tiere verbleiben dann im Heim“, weiß Bergmann.
„Mehr als Gassigehen“
Sie verstehe, dass manchen Tierhaltern die Kosten über den Kopf wachsen würden, zur Inflation und gestiegenen Lebenshaltungs- und Energiekosten kämen die gestiegene Gebührenordnung der Tierärzte. Gerade für Mehrtierhaushalte ein schwieriges Thema, aber all diese Punkte träfen eben auch die Tierheime. Schwerwiegender als der finanzielle Aspekt sei, dass der Mensch sich verändert habe. „Viele von uns sind schon jahrelang im Tierschutz tätig und erkennen eine schlimme Entwicklung“, berichtet Bergmann aus der Praxis.
In der Gesellschaft nehme zwischenmenschliche Bindungsarmut immer mehr zu, das versuche so manch einer mit der Anschaffung eines oder gar mehrerer Tiere zu kompensieren. Dass Hundehaltung aber mehr bedeute als Gassigehen zu müssen, werde oft nicht beachtet. Auch beschäftige sich der Mensch zu wenig mit dem rassespezifischen Verhalten von Tieren. Vermeintlicher Ausweg aus der Misere: Abgabe ins Tierheim. Aber die können eben nicht mehr.
„In Depressionstherapie“
Der Brief an Cem Özdemir und Ariane Kari, der Tierschutzbeauftragten der Bundesregierung, wolle Aufmerksamkeit erreichen. Bergmann bleibt realistisch: „Ob die Politik sich bewegt, bezweifle ich. Aber einer muss ja mal loslaufen, sonst können wir alle, die im Tierschutz tätig sind, uns in Depressionstherapie begeben.“
Das Bündnis Schattenhund wurde 2019 von Menschen gegründet, die sich für Hunde einsetzen möchten, die aus unterschiedlichen Gründen lange oder ihr ganzes Leben im Tierheim verbringen müssen. Es fordert unter anderem die Einführung eines verpflichtenden Hundeführerscheins, die Aufklärung über die Arbeit von Tierheimen sowie Kontrollmechanismen für den Hundehandel.
Im jetzt veröffentlichten Brandbrief verlangt das Bündnis nachhaltige Maßnahmen zur Eindämmung und Überwachung des Welpen- und Hundehandels, insbesondere im Internet, konsequente Kontrollen und Reglementierung für den übermäßigen Import von Hunden aus dem Ausland, die Durchsetzung des Qualzuchtverbots sowie das Verbot der wahllosen, nicht ausreichend reglementierten Vermehrung von Hunden, existenzsichernde und moderne Finanzierungsmodelle für Tierheime, eine Registrier- und Kennzeichnungspflicht für Hunde, einen Befähigungsnachweis für Neu-Hundehalter und eine fachlich fundiertere Ausbildung für Tierpfleger sowie erweiterte Qualifizierungsmöglichkeiten.
Fast 60.000 Unterschriften
„Gerade was das Bündnis im Hinblick auf das Internet fordert, kennen wir selbst aus unserer Umgebung. Jeder von uns beobachtet den Markt im Internet. Private Züchter züchten vor sich hin für einen Markt, der gar nicht mehr existiert. In Ebay-Kleinanzeigen gibt die Suchfunktion zwar nichts mehr her bei der Eingabe der Wörter Welpe und Reptilien, aber zu finden sind die ja trotzdem über kurze Umwege“, beklagt Bergmann und meint: „Mein persönlicher Traum wäre es, dass keinerlei Tiere mehr über Internetportale angeboten werden dürften.“ Bisher haben den Brandbrief 59.840 Menschen unterschrieben.
Im Netz
Wer den Brief unterzeichnen möchte, findet die Petition unter innn.it/brandbrieftierschutz, Infos zum Bündnis Schattenhund: buendnis-schattenhund.org.