Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Theaterhaus G7 zeigt Drama von Marina Skalova

„Wir sind das Ergebnis von Schocks“: Szene aus dem „Sturz der Kometen“.
»Wir sind das Ergebnis von Schocks«: Szene aus dem »Sturz der Kometen«.

Zwischen Frankreich, Russland und Deutschland ist Marina Skalova zu Hause. Ihr Stück „Der Sturz der Kometen und der Kosmonauten“, das nach dem Zerfall der Sowjetunion spielt, zeigt das Theaterhaus G7 als deutschsprachige Erstaufführung.

Es ist mal wieder finstere Nacht. Zwei Menschen, Vater und Tochter, sitzen in einem alten Ford und fahren auf einer monotonen Landstraße gen Osten. Sie streiten sich. Wieder mal. Dabei geht es um ihren persönlichen Weg nach Westen und das, was dabei schiefgelaufen ist. Wieder mal. Das Drama „Der Sturz der Kometen und der Kosmonauten“ der russisch-französisch-deutschen Autorin Marina Skalova fängt wie ein klassisches Roadmovie an. Ist es aber nicht.

Inka Neubert hat bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Theaterhaus G7 Regie geführt. Auf der Suche nach geeignetem Stoff für eine Inszenierung wurde sie vor einigen Jahren bei „Eurodram“ fündig, einer Kulturinitiative, die es sich zur Aufgabe macht, junges europäisches Drama zu fördern. „Der Text von Marina Skalova hat mich sofort gepackt“, erinnert sich die Regisseurin. „Das Stück erschien mir auch deshalb so spannend, weil es den Zerfall der Sowjetunion anhand des Schicksals zweier Menschen thematisiert“, sagt sie.

Ganz nah und weit weg

Es sind zwei Menschen, die sich nahestehen und emotional doch so weit weg voneinander sind wie die Erde vom Mond. Wenn sich Vater (Matthias Hecht) und Tochter (Irina Maier) in Berlin treffen und auf den Weg nach Moskau machen, gerät der Roadtrip rasch zu einem Kammerstück auf vier Rädern. In der Enge des alten Fords ist es ihnen nicht mehr möglich, voreinander und vor allem vor sich selbst wegzulaufen. Was in den vergangenen 20 Jahren unausgesprochen geblieben ist, kommt jetzt radikal auf den Tisch. Als schwer verdauliches psychoanalytisches Gericht.„Ich habe selten erlebt, dass Figuren in einem Stück eine so tiefgründige Entwicklung durchmachen“, beschreibt Neubert die Faszination, die mit der unfreiwilligen Familienaufstellung einhergeht. Tragik und Komik liegen oft nahe beieinander, wenn in den Dialogen die Themen Exil und Migration samt ihren Auswirkungen gespiegelt werden. Da schwingt eine ganze Menge Trauma mit, das wie der untergegangene rote Stern der Sowjetunion über den Köpfen schwebt. „Wir sind letztlich das Ergebnis von Schocks“, spricht die Tochter über ihr unstetes Leben, in dem sie nach der Migration ihrer Eltern nach Frankreich niemals angekommen ist.

„Es gab einen Schock, aber keine Therapie“, stellt ihr Vater dazu fest, als sich eines der Gespräche um den Weg seiner russischen Seele aus dem Grab der Sowjetunion in das freie Leben dreht. Es ist wohl kein Zufall, dass sowohl die Autorin als auch ihr Alter Ego, das da auf der Bühne leidet, in Berlin leben. Und vieles von dem, was Marina Skalova ihren Figuren in den Mund legt, fühlt sich aufgrund der aktuellen Ereignisse in der Ukraine auch tatsächlich wie eine Schocktherapie an. Die Familie der Autorin stammt ursprünglich aus dem osteuropäischen Land. Die Gegenwart, so scheint es, hat die Erinnerung eingeholt. Tragisch fühlt sich beides an.

Schweres Gepäck

Die Vergangenheit fährt wie ein dritter Backpacker mit nach Moskau. Es ist schweres Gepäck. Die Worte von Vater und Tochter kleiden sich oft in Metaphern. Der Kosmonaut, der im Titel erwähnt wird, war einst in der Sowjetunion der Berufswunsch vieler Kinder. Er steht für den Gedanken, das alles möglich ist, wenn man nur daran glaubt, und für den Aufbruch in völlig neue Welten. Irgendwie scheint er ein Symbol für alle geplatzten Träume einer Generation zu sein, die einst mit Optimismus in die Freiheit aufgebrochen ist, die nun in Scherben liegt.

„Die erste Generation geht in der Migration immer verloren“, sagt der Vater einmal zu seinem Kind, das die Liebe wie manisch auf dem Smartphone sucht und sie mit einem Kick auf Kokain vergleicht. Und in einem Moment rührender Zuneigung: „Ich bin stolz auf dich, dass du es schaffst.“ Am Ende der Straße werden die zwei Reisenden wieder Vater und Tochter sein. Es ist jedoch kein Ende aus der westlichen Traumfabrik. Denn das ist eine russische Geschichte.

Termine

Weitere Vorstellungen finden am Samstag, 23. September, sowie am 30. September, am 1., 7. und 8. Oktober jeweils um 20 Uhr statt. Im Netz: www.theaterhausg7.de.

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