Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel The Streets: Das Zeltfestival beginnt mit einem „Pferderennen“

Mike Skinner hat mit seiner Band The Streets das Zeltfestival eröffnet.
Mike Skinner hat mit seiner Band The Streets das Zeltfestival eröffnet.

Die englischen Hip-Hop-Freigeister The Streets eröffnen das Mannheimer Zeltfestival mit einem Konzert, das zurückhaltend beginnt – aber dann völlig außer Kontrolle gerät.

Mike Skinner betritt die Bühne im schwarzen Ledermantel und verstrahlt die Energie eines Mannes, der beim Ausparken ein anderes Auto gestreift hat und ganz unaufgeregt auf die Polizei wartet. Der Mann hat es nicht eilig. Während seine formidable Band sich hochpräzise durch das zweite Album „A Grand Don’t Come For Free“ brettert, greift Skinner seelenruhig zum Stift. Er malt das Wort „Derby“ an eine Tafel und verziert das Ganze mit einem Pferd. Eine rührende kleine Liebeserklärung an das auf Eis gelegte Maifeld-Derby-Festival, bei dem die Streets im Jahr 2019 den Laden schon einmal komplett auf links gedreht hatten. Wer zu diesem Zeitpunkt glaubt, der Abend bleibe auf dem atmosphärischen Niveau eines Volkshochschul-Malkurses, hat die Rechnung ohne Skinners manische Energie gemacht.

Arbeiterklasse-Attitüde ohne Stumpfheit

Rückblick: Anfang der 2000er stolpert ein Schlaks aus Birmingham mit „Original Pirate Material“ ins Scheinwerferlicht. Das war Hip Hop für Leute, die keinen Hip Hop mögen. Arbeiterklasse-Attitüde eben ohne die branchenübliche latent sexistische Stumpfheit, stilistisch zwischen Indierock-Melancholie und verrauchtem Soul. Vor allem aber war Skinner das, was man hier in der Pfalz so schön „nah bei de Leut“ nennt: ein schräger Chronist des Alltags, der die Dinge beim Namen nennt, ohne Rücksicht auf eventuelle Kollateralschäden. Nach einer großen Pause zwischen 2011 und 2017 sind The Streets wieder da – und sieben Jahre nach ihrem Maifeld-Coup schließt sich in Mannheim der Kreis.

Das Problem mit diesen trendigen „Wir spielen ein Album am Stück“-Shows, mit denen auch die Streets im Sommer 2026 durch Europa tingeln, ist systemimmanent: Man kennt die Playlist. Klar ist die Platte „A Grand Don’t Come For Free“ von 2004 ein kleines Meisterwerk mit Hits wie dem feisten Rocker „Fix But You Know It“ oder „Blinded By The Lights“. Aber der Spannungsbogen ist so vorhersehbar wie das nächste Beziehungsdrama bei den Geissens. Man weiß einfach, was als nächstes kommt.

Skinner löst das Problem auf seine ganz eigene charmant-tiefstapelnde Weise. Kaum ist die Platte mit dem letzten Ton von „Empty The Cans“ durch, versammelt er seine Truppe, es wird sich kurz artig verbeugt, und dann beginnt Teil zwei der 100-minütigen Show. Und ab jetzt brennt das Zelt.

Huckepack durch die tosende Menge

Ab „Turn The Page“ und „Let’s Push Things Forward“ brodelt es vor der Bühne. Skinner, eben noch der distanzierte Kneipenbesucher, wirft sich ungebremst in die pulsierende Menge. Was folgt, ist pure Anarchie: In Erinnerung an das Maifeld Derby, das um und im Mannheimer Reitstadion am Maimarkt eine Heimat gefunden hatte, veranstaltet Skinner ein veritables „Pferderennen“ mitten durch die 2000 Zuschauer. Fans nehmen andere Fans huckepack, Skinner selbst schwingt sich auf den Rücken eines menschlichen „Hengsts“ und galoppiert eine Runde durchs Zelt. Es sind Bilder von herrlicher Absurdität, die auch den letzten steifen Party-Skeptiker brechen.

Beim finalen „Take Me As I Am“ tanzt das Zelt alles weg. Ein denkwürdiger Abriss. „In Deutschland ist es immer speziell für uns“, sagt Skinner, bevor er im tosenden Applaus verschwindet. Ein perfekter, verschwitzter Auftakt für das zehnte Zeltfestival, das in den nächsten Tagen zum Beispiel mit Deine Freunde, Idles oder Anastacia ein Programm zwischen Metalcore und Mainstream-Pop auffährt, das so wild zusammengewürfelt ist wie die Playlist auf einer runden Geburtstagsparty morgens um vier.

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