Mannheim
Superheldin und enthüllte Schafe: Zehn Premieren bei „Freier Tanz im Delta“
Die Frau erklimmt den halb liegenden Mann wie einen Felsen, stützt sich auf Rippen und besteigt dieses Gebirge aus Knochen und Muskeln bis zum Gipfel. Die Revanche: Als sie sich gegenüberstehen, greift er in ihr Fleisch, hält sie nur an den Hautlappen am Torso, während sie sich nach außen lehnt, mit betäubtem Blick. Zwei fast nackte Körper reizen in „Private“ aus, wie sie miteinander umgehen können, in einem Stellungsspiel aus Hingabe und Dominanz, während aus hängenden Flaschen Wasser in einen Eimer tropft. Sade Mamedova und Lorenzo Ponteprimo sind ausdrucksstarke Performer, privat ein Paar und voller Gegensätze, für die sie eine Sprache finden wollen, erzählt Ponteprimo auf Nachfrage. Sie, die zierliche Ballerina aus Russland, er, der stattliche italienische Hip-Hopper. Ihr Stück ist eine Art Vorstudie für ein größeres Projekt, bei dem das Wasser zum Game Changer in der Beziehung werden soll – und dann ganz nackt.
Noch ein Paar umspielt und hält sich, aber in einer vom Ballett geprägten zeitgenössischen Tanzsprache voller Hebefiguren: Anna Zardi und Nicola Prato in der Choreografie „And some will fall“ von Zoulfia Choniiazova. Mal tanzen sie alleine, mal synchron und dann ist es eine kleine Geste, eine Hand, die gereicht wird und beide aufeinander zu katapultiert.
Vom Duett zum Duell: In „Hands of Fate“ von Mike Planz sind es ebenfalls Finger, die sich annähern, aber auch herausfordern, wenn sich zwei Männer (Michel Ateba und Anton Rieger) belauern. Sie spielen in Zeitlupe „Schnick schnack schnuck“, bevor der Electrobeat ihre Körper mit Popping und Locking aus dem Streetdance zuckeln und ruckeln lässt. Ein Stoß in die Brust setzt sich in Wellen durch den Körper des anderen fort. Am Ende haben sie im – laut Programmzettel – „greatest game ever played“ gerade mal die Positionen getauscht.
Einige Stücke gehen in aufwändigeren Szenarien aufs große Ganze: „Follow Me“ fragt, an was man glauben darf: an sich selbst? An die Liebe? Oder gar an Gespenster? Das überlegt Catherine Guerin und will mit der Taschenlampe unter dem Vorhang durchspähen, um das unheimliche Knistern dahinter zu erkunden. Erst versucht sie ihre Gedanken mit Worten zu erfassen, dann mit Gesten, die neben Miriam Markl in die Luft ausgreifen. Ein Vorhang nach dem anderen lüftet sich wie Schleier im Gehirn, und was taucht als Erkenntnis auf? Ein Video mit trottenden Schafen.
Datenreine Subjekte
Noch mehr wird gegrübelt in Leonardo Chengs „Dooba: Dreams of Existential Dread“, und noch unkonventioneller. Ein Denker philosophiert vor sich hin, wird von einer Frau im Anzug zurechtgerückt, er stellt fest, dass „eigentlich nichts zählt“ und sie fallen bewusstlos übereinander. Aber es gibt ja die Disco: Im blitzenden Licht schlenkern und feiern sie die Freiheit der Bewegung und den Verlust der Form. Eine solche Originalität gepaart mit schrägem Humor hat Leonardo Cheng als Choreograf in anderen Stücken bewiesen. Hier recherchiert der Denker, wie früh in der Menschheitsgeschichte Völkermorde vorgekommen seien und beschließt angesichts der Kriege in der Welt: „Ich könnte rausgehen und etwas ändern, aber ich fürchte mich zu sehr, also tanze ich weiter!“
Und wenn man auf das Menschliche verzichtet? Das Experiment wagen Delphina Parenti und Sarah Wünsch mit ihrer Science Fiction „Homo Novus“. Sie tauchen als „datenreine“ Subjekte maskiert auf, und der Forscher warnt, man solle „seine anthropomorphischen Erwartungen suspendieren“. Robotermäßig entfalten sich die Geschöpfe, tasten ihren Umkreis ab, als stünden sie in einer Glasröhre und richten sich dann doch zu Menschen auf, mit naivem Blick. Gibt es ein Denken ohne Worte, aber geprägt von Bewegung?
Vom Menschen zur Maschine mutiert Miriam Markl in ihrem minimalistischen „Horizontal Rotation“. Sie steht breitbeinig eingefroren wie eine starke Kriegerin und wedelt horizontal mit ihren Armen: ein Perpetuum mobile, das nur in Tempo und Ausrichtung variiert und doch Assoziationen weckt: an das Schematische eines Aerobic-Trainings oder Videospiels mit Superheldin.
Ein interessantes Körperexperiment zelebriert auch Georgia Begbie mit „in this quiet“, in dem Tennisbälle im Halbkreis aufgereiht liegen. Doch sie lässt keinen Ball aufprellen, sondern imitiert das Geräusch mit ihren Fersen in grellgelben Socken, spürt dem Rückstoß in ihrem Körper nach, spielt mit der Instabilität, wenn ihr Kopf wie eine Kugel wegzurollen droht.
Es geht aber auch romantisch und, sagen wir, „ballettös“: Im plakativ roten „Annamasse“ von Charlotte Fenn scheint eine Diva im Flatterkleid in Erinnerungen zu schwelgen. Zu Chansons zeichnet Veronika Kornova-Cardizzaro erst elegante theatralische Schwünge. Nachdem sie sich aus einem Sektglas Sand über den Kopf gekippt hat, wird sie eckiger und freier.
Ebenso luftig und klassisch lässt Luches Huddleston jr in „Bound by recovering“ sechs Tänzerinnen und einen Tänzer als coole Clique aufmarschieren, die sich beäugen und zu traumverlorenen Soli inspirieren. Es geht um Resilienz und die Frage, wie ein Herz heilt. Eine wird von Giovanni De Buono zum Pas de deux auserwählt, bevor alle in einer Art Moonwalk auf der Stelle laufen, und – wie so viele – vergeblich nach etwas in der Luft greifen.
Termine
Dritter Abend „Freier Tanz im Delta“ am Felina-Theater am Samstag, 27. September, 18 Uhr. Vierter Abend mit weiteren Premieren von Andrea Böge, Tania Hinz, Sade Mamedova, Crystal Schüttler, Catharina Visschers, Jonas Frey, Mirko Ingrao, David Kwiek, Seung Hwan Lee und Richard Oberscheven: Donnerstag, 2. Oktober, 19 Uhr, und Samstag, 4. Oktober, 18 Uhr, Holzbauerstraße 6-8, Mannheim, Neckarstadt-Ost.