Ludwigshafen Stuhlkreis ums Lagerfeuer
Der wilde, wilde Westen hat am Montagabend mal nicht hinter Hamburg angefangen, sondern in der Mannheimer Neckarstadt, im Capitol. Wo er nach fast drei Stunden mit mal fulminantem und mal lässigem Countrysound auch endete. Für die Altmeister von Truck Stop war es eine Station auf ihrer Jubiläumstournee.
Maschen. Für manche ist es der größte Rangierbahnhof Europas, für die anderen „ein Studio, gleich bei der Autobahn“. Vor 45 Jahren hat sich dort die Band Truck Stop gegründet. Die mit der aktuellen Single „Ein Stückchen Ewigkeit“ schon auf das neue Album im kommenden März hinweist – der Titel ist übrigens einem Mannheimer zu verdanken. Doch dazu später mehr. Gleich zu Beginn hauten die Hamburger den ersten Hammer raus: den Alt-78er „Dave Dudley“. Bei der zweiterfolgreichsten Single wippten sofort nicht nur die Füße, sondern auch viele Cowboyhüte. Unter denen im Capitol meist sehr entspannte Menschen saßen, die im Durchschnitt deutlich vor 1973 gegründet oder vielmehr: geboren worden waren. Alle Beteiligten machten ihr bewährtes Ding. Andreas Cisek (Leadgesang, Gitarre), Wolfgang „Teddy“ Ibing (Schlagzeug), Chris Kaufmann (Lead Gitarre), Tim Reese (Fiddle, Gitarre, Banjo, Mandoline), Uwe Lost (Bass, Gesang, Akkordeon) und Knut Bewersdorff (Gesang, Pedal Steel, Dobro, Gitarre) lieferten viel Spielfreude – vielleicht manchmal einen Ticken zu straight –, vor allem aber eine starke, authentische Instrumentierung, die weiter Maßstäbe setzt. Und die 420 Fans gaben einen stimmigen Resonanzraum. Frei nach dem Text des unvergessenem Frontmanns Cisco Berndt: „Meine Jeans, meine Boots – mein alter Stetson, meine Roots.“ Apropos Stetson: Was bitte machte einer dieser Cowboyhüte einsam angeleuchtet auf der (angenehm einfach gestalteten) Bühne, eine Geige und ein Sattel scheinbar genauso alleine daneben? Kunstinstallation, oder wie? Mitte der ersten Halbzeit wurde aufgeklärt, also sprach der noch recht neue Frontmann Cisek: „Das ist Ciscos Sattel.“ Mit dem der auch schon mal zu Edeka geritten sei. Geige und Hut: in Memoriam Lucius Reichling. So gedachten die Jungs ihrer verstorbenen Gründer und mit separiert eingespielten Gesangsspuren dazu. „Ich bin Cowboy“ und „Großstadtrevier“ (genau, die Titelmelodie) brachten einen würdevollen Backlash – und bewegende Momente bei den Fans. „Danke“, rief einer spontan. Und wieder nickten viele Stetsons. Nicht seit 73, aber immerhin seit 83 ist Bewersdorff dabei und gibt den guten Geist aus der Tiefe des Raumes. Seine – wie auch Ciseks – Stimme hätte von der Technik gerne etwas stärker ausgesteuert werden können. Bewersdorff aber liefert in Perfektion vor allem das musikfachlich Besondere an Truck Stop: die Pedal-Steel-Gitarre. Das elektrische Zupf-Ding „hört man in Deutschland sonst kaum“, bestätigt auch Jonny König (30). Der Popakademie-Absolvent heißt zwar wie ein typischer Cowboy, wirkt ansonsten aber eher wie der akademisch-coole Profi-Musiker, der er ist. Für eine seiner Bands (Randale und Liebe) hatte er „Ein Stückchen Ewigkeit“ geschrieben („Alles, was uns bleibt, ist eine gute Zeit“). Per Produzenten-Connection und ein bisschen Zufall lief das Stück auf den Lautsprechern von Truck Stop – die es gerne klauten, vielleicht auch, weil es ein wenig den Pop-Weg weist. „Hat mich sehr gefreut, die sind ja Legende“, konstatiert König. So ritt man gemeinsam gen Sonnenuntergang, mit ein paar Medleys dazwischen. Und einem Lagerfeuer-Stuhlkreis inklusive feinem Akustik-Set zu Beginn von Halbzeit zwei. Die geriet, vor allem dank des Publikums, noch etwas knackiger als die erste – etwa so wie nach dem dritten Bier in der Trucker-Kneipe. Auch wenn Schlagzeug-Legende „Teddy“ Ibing, begleitet von der Begeisterung der Fans, „Wenn mein Bier nur so kalt wär wie dein Herz“ intonierte. Blieb nur noch der klanggewaltig-spektakuläre Showdown. Einschließlich dem einzig möglichen finalen Fazit: „Take it easy, altes Haus!“