Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Stefan Jürgens liest Liebesgedichte

Ein unaufhörlicher Schwall der Liebe: Stefan Jürgens in Ludwigshafen.
Ein unaufhörlicher Schwall der Liebe: Stefan Jürgens in Ludwigshafen.

Viele Menschen kennen Stefan Jürgens als knallharten TV-Ermittler. Seine weiche, romantische Seite kam im BASF-Gesellschaftshaus zum Vorschein.

Die Deutschen mögen in vielen Bereichen zur Weltspitze gehören oder zumindest gehört haben (Fußball! Export! Automobilindustrie!), die Romantik gehörte bislang sicherlich nicht dazu. Die sinkende Geburtenrate ist eigentlich schon Beweis genug dafür, im Ausland hat man aber auch herzlich gelacht, als wir dieses Klischee hierzulande während der Corona-Pandemie noch einmal mit Nachdruck untermauerten: Da machten wir mit dem Horten von Toilettenpapier Schlagzeilen, während man in Frankreich lieber Kondome und Rotwein bunkerte, um sich auf die Lockdowns vorzubereiten. Deutschland in der Nussschale.

Auch die Kunst trug in den letzten Jahrzehnten nicht dazu bei, unser Image entsprechend zu verbessern: Deutsche Musik wird im Ausland nicht gerade als „romantisch“, als „zärtlich“, wahrgenommen, eher als unterkühlt oder brachial, Kraftwerk und Rammstein sei Dank. Und in Sachen Film und Fernsehen? Da waren deutsche Krimis lange Exportschlager, deutsche RomComs hingegen finden außerhalb der bundesrepublikanischen Grenzen eher selten ein Publikum. Weil man es im Ausland eben nicht versteht, dass es bei deutschen Liebesfilmen nicht nur um die großen, zwischenmenschlichen Gefühle geht, sondern immer auch noch der Blumenladen der Hauptdarstellerin vorm bösen Großkonzern gerettet werden muss (deren männlicher CEO sich dann natürlich zum love interest entwickelt).

Umso überraschender, dass wir ja wohl doch irgendwie romantisch sind: Immerhin jede und jeder Zweite in Deutschland (54 Prozent) ist mit dem eigenen Liebesleben zufrieden, fand das Meinungsforschungsinstituts Ipsos 2024 heraus. Wenn die eine zufriedene Hälfte nicht in einer Partnerschaft mit der anderen unzufriedenen ist, eigentlich gar keine so schlechte Zahl, oder? Und laut MDR glauben hierzulande sogar vier von fünf an die „wahre Liebe“.

Wenn Stefan Jürgens also mit einem Programm, das sich „Nenn’ es Liebe“ nennt, durch die Lande tourt, sollte er bei liebestollen Bundesbürgern doch eigentlich offene Türen einrennen. In Ludwigshafen ist der Rahmen dann aber doch eher überraschend intim, die Stuhlreihen im BASF-Gesellschaftshaus sind am Sonntagabend bei seinem Auftritt nur etwa zur Hälfte besetzt.

Auf den ersten Blick mag Jürgens als Romantiker, der Liebeslieder singt und Liebesgedichte rezitiert, auf den einen oder anderen auch befremdlich wirken. Ist das nicht derselbe Kerl, der zu Zeiten von „RTL Samstag Nacht“ den Spruch „Kentucky schreit f*****“ salonfähig gemacht hat? Derselbe Typ, der über Jahre in der Krimi-Serie „SOKO Wien“ vor einem Millionenpublikum den zynischen, durchaus etwas raubeinigen Major Carl Ribarski gegeben hat?

Stimmt schon.

Aber Stefan Jürgens ist eben auch Schauspieler. Und als solcher extrem wandlungsfähig, wie er in Ludwigshafen unter Beweis gestellt hat. Die Rolle des Ribarski hat er an den Nagel gehängt, in der Pandemie, und das, obwohl das eigentlich ein ultrasicherer Job war, nachdem sich so mancher Kollege die Finger geleckt hätte. „Ich hatte die Faxen dicke von all dem Blut“, sagte er der „Berliner Morgenpost“. Jürgens hat dann auf sich selbst gesetzt, auf eine Neuausrichtung und mittlerweile ist der 62-Jährige mit verschiedenen Programmen auf deutschen Bühnen unterwegs, wenn er nicht gerade irgendwo irgendwas dreht. Unter anderem eben mit „Nenn’ es Liebe“.

Liebe ohne Unterlass

Knapp zwei Stunden lang rezitiert Jürgens hier Gedichte, eigene, aber auch solche von großen Dichtern, Weltliteratur, fast fließend gehen diese ineinander über, Jürgens verliert keine Zeit mit Anmoderationen, es ist ein einziger, unaufhörlicher Schwall der Liebe, der über das Publikum hereinbricht. Unterbrochen nur hier und da von ein paar eigenen Songs, bei denen sich Jürgens selbst am Flügel begleitet. Dass er ein ganz guter Sänger ist, hat er ja nun auch schon auf mehreren Alben bewiesen. Und auch live kann der Liedermacher zweifellos überzeugen.

Die eigene Gedichte stammen vornehmlich aus dem Buch „Loveletters – Mutwillige Liebesergüsse“. Seit er 16 ist, schreibt er Gedichte, verriet der aus Unna stammende Künstler neulich im RHEINPFALZ-Interview, erst mit Ende 50 hat er sich getraut, diese auch zu veröffentlichen. Sich verletzlich zu zeigen. Denn viele Gedichte sind tatsächlich solche, die er für seine Herzensfrau geschrieben hat. Mal sind sie leidenschaftlich und überschwänglich, mal melancholisch beziehungsweise nachdenklich, mal humorig, mal auch erotisch – Jürgens beschreibt in ihnen die Liebe in all ihren Facetten und feiert sie. So wie es sich gehört.

Die zwei Stunden Leseperformance vergehen dabei wie im Flug. Jürgens ist ein charismatischer Rezitator, das Publikum hängt an seinen Lippen, der eine oder andere lässt sich am Ende sogar zu Standing Ovations hinreißen. Letztlich ist so ein Abend ja auch ein Statement. Ein großer Kontrapunkt zur gefühlten Gegenwart: In Zeiten von toxischer Männlichkeit, von multiplen Krisen, von Krieg und Konflikten, von lautem Gebrüll in den Sozialen Medien sendet Jürgens eine wichtige Botschaft aus: nämlich die, dass es da immer noch etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Etwas, das die Welt im Innersten doch irgendwie zusammen hält. Und das das ganze Tohuwabohu am Ende doch irgendwie erträglich macht.

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