Mannheim
Stadtensemble des Nationaltheaters mit Stück zu den USA
Seitdem im ehemaligen Benjamin-Franklin-Village eine Ausweichspielstätte des Mannheimer Nationaltheaters während der Generalsanierung des Hauptgebäudes entstanden ist, beschäftigt sich das Stadtensemble mit dem Verhältnis zwischen Mannheim und den USA. Vorläufiger Schlusspunkt ist jetzt das Stück der Laienspieltruppe des Nationaltheaters „All My Life Watching America“. Eine bunte Revue zwischen Lust- und Trauerspiel.
Dass die Aufführung im Studio Werkhaus kein reines Loblied auf den transatlantischen Freundschaftsbund werden würde, macht gleich am Anfang ein kleiner Film unmissverständlich deutlich. Ein in die US-Flagge gekleidetes Mädchen singt sich auf großer Bühne schief und schräg durch „The Star-Spangled Banner“. Eine Verfremdung der US-Nationalhymne ähnlich der, mit der Jimi Hendrix auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs aufhorchen ließ. Die Geräusche und Rückkopplungen seiner Gitarre klangen damals wie Artilleriefeuer und Bombenexplosionen, wie Heulen und Schreien. Alle Gewalttaten aus der Vergangenheit des „Land of the Brave“, die die amtierende Trump-Regierung am liebsten unter den großen, dichten Teppich der Weltgeschichte kehren würde, werden dann im Stück zur Sprache kommen: der auf Sklavenarbeit errichtete Reichtum des Landes, der Völkermord an den Ureinwohnern. Da kann eine Einspielung von Woody Guthries Evergreen mit dem Refrain „This land is your land, and this land is my land from California to the New York Island“ nur wie Hohn auf die Millionen Menschenopfer klingen, die diese Erfolgsgeschichte gekostet hat. Das Stück verschweigt auch nicht das erste Glied in der Ereigniskette, die bis zum gegenwärtig tobenden iranisch-amerikanischen Krieg reicht: die Verwicklung des amerikanischen Geheimdienstes in den völkerrechtswidrigen Sturz des demokratisch gewählten iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh im Jahr 1953, um sich selbst und Großbritannien einen ungehinderten Zugang zu den Ölquellen des Landes zu verschaffen.
Die Freiheitsstatue als Illusion
In Westdeutschland wurden die Sieger des Zweiten Weltkriegs als Befreier von der Nazidiktatur und als Demokratie-Importeure gefeiert. Schon die weithin sichtbare Freiheitsstatue auf Ellis Island verhieß Millionen von Einwanderern auf ihrer Flucht vor Despotie und Hunger ein neues, unbeschwerteres Leben in der Neuen Welt. Das Stück bringt zwar häufig Fackel und Strahlenkranz der Statue ein, lässt jedoch eine Darstellerin sagen: „Ich bin die Freiheitsstatue. Ich bin es und ich bleibe es. Auch wenn ich nur noch eine Illusion bin.“
Was wie auf die Trump-Autokratie gemünzt scheint, wird vom Stadten-semble jedoch früher angesetzt. Schon in vorangegangenen Stücken war auf Benjamin Franklin nicht nur als einen der Gründungsväter der Vereinigten Staaten im 18. Jahrhundert, sondern auch als Sklavenhalter hingewiesen worden.
Völker übergreifende Solidarität beschworen
Wie schon bei den seit 2023 aufgeführten Stücken „New World Franklin“, „Unauthorized und unverschämt“ sowie „Vier Jahreszeiten“ hat das derzeit aus etwa 40 Mannheimerinnen und Mannheimern bestehende Stadtensemble eine Gemeinschaftsarbeit mit der Autorin Serra Al-Deen und der Regisseurin Nazli Saremi erstellt. Zwölf Mitglieder haben ihre Erinnerungen und Assoziationen an Amerika eingebracht. Das macht aus dem Stück ein internationales, das eine die Völker übergreifende Solidarität beschwört. Die Ukrainerin Yuliia Rudnitska erinnert sich in einem Monolog auf Ukrainisch: „Es schien, als würde dort das Paradies leben. Wahrscheinlich träumten damals alle von Amerika.“ Und eine türkische Darstellerin versteht sich zur Freude des Publikums als die Kreuzung zwischen der Autorin mit irakischen und der Regisseurin mit iranischen Vorfahren.
Das Licht- wie Schattenseiten der USA thematisierende Stück ist in fünf bruchlos ineinander übergehende Akte unterteilt. Ob es sich um eine Komödie oder eine Tragödie handelt, muss offenbleiben. Auf jeden Fall aber ist es eine abwechslungsreiche Revue mit Tanz, Gesang und Musik vor der Kulisse von Nora Müllers Bühnenbild in Form einer Bar. Auch der Absatzmarkt Westdeutschland findet Erwähnung mit Markennamen wie Ajax, Colgate, Palmolive, McDonald’s. Eine bedeutende Rolle aber spielt der größte US-Exportschlager: die Popmusik. Unter anderen ertönen Don McLeans „American Pie“, Ray Charles„ „America the beautiful“ und selbstverständlich Bruce Springsteens „Born in the USA“. Der Titel des Stücks selbst ist dem Song „America“ der Band Razorlight entnommen, worin es heißt: „All my life there’s panic in America, oh oh oh, oh, there’s trouble in America.“
Termin
Eine weitere Vorstellung ist für den Juli und die kommende Spielzeit vorgesehen. www.nationaltheater-mannheim.de