Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Stadtbücherei: Beeindruckender Auftritt von Valery Tscheplanowa

Tscheplanowa
Tscheplanowa

Die Lesung Valery Tscheplanowas in der Reihe „Europa Morgen Land“ war fesselnd und aufschlussreich.

Mit so einem Andrang hatte niemand gerechnet. Alle verfügbaren Stühle wurden herbeigeschafft, am Ende saßen rund 80 Besucher vor dem prominenten Gast der Reihe „Europa Morgen Land“. Der Zuspruch lag nicht nur am Debütroman der Wahlberlinerin, „Das Pferd im Brunnen“. Valery Tscheplanowa ist eine der renommiertesten deutschen Theaterschauspielerinnen und bekannt aus über 20 Fernseh- und Kinofilmen.

Moderatorin Friederike Appel lobte Tscheplanowas Sprachstil als „zusammengeschmolzen und prägnant“. Auf ihre Frage, wie sie zu ihrem ersten Roman gekommen ist, erzählte sie, dass sie schon immer hatte Autorin werden wollen, „aber ich habe mich nicht getraut. Ein Leben als Schauspielerin erschien mir sicherer“. Eine Lektorin vom Rowohlt-Verlag, die ihre Bühnenarbeit kannte, hatte sie ermutigt und gesagt: „Fangen Sie einfach ein Buch an.“ Tscheplanowa schrieb das erste Kapitel, der Verlag akzeptierte es nach ihren Worten wortwörtlich ohne Änderungen.

Vier Frauen und ihre Biografien

Die Autorin las das Kapitel vor, in dem ihre Großmutter Tanja als von der ganzen Familie respektierte Generalin beschrieben wird, „die Antworten schienen wie einstudiert, kein Stammeln, kein Zögern, nur ein fester, harter Schuss“. Der Roman erzählt von vier Frauen von der Enkelin bis zur Urgroßmutter und beschreibt deren Lebensläufe in einer poetisch verdichteten Geschichte. Die in Kasan, der Hauptstadt der Tatarischen Sowjetrepublik, im Zweiten Weltkrieg beginnt. Und die in der Gegenwart endet, als die dritte und vierte Generation – Walja und ihre Mutter Lena – auswandern.

Die Frauen, so Tscheplanowa, seien diejenigen, die den Alltag am Laufen gehalten hätten. Mit Härte und einem gewissen Maß an Liebesunfähigkeit, weil die Männer entweder im Krieg geblieben waren oder als Versehrte psychisch zerbrochen zurückgekehrt waren. „Zu Liebe gehört auch Bedürftigkeit, den Partner zu brauchen“, sagte sie. Und dass sich diese Kriegsfolge bis in die Gegenwart fortsetze.

„Ab der Hälfte fabuliert“

Tscheplanowa bezeichnete ihr Buch als autofiktional, „etwa ab der Hälfte habe ich fabuliert“. Sie ist mit acht Jahren 1988 nach Deutschland gekommen und kennt somit sowohl die Sowjetunion vor ihrem Zerfall als auch ihr Gegenstück, den kapitalistischen Westen. Schade, dass sie ausgerechnet das Kapitel „Streichholzschachteln“ den Zuhörern vorenthielt. Denn hier liefert sie aus der kommunistisch geprägten Perspektive von Waljas Onkel Mischa eine erfrischende Sozialstudie des deutschen Alltags – mit Pflegeheimen, „die wie eine Vorschule für den Friedhof wirkten“. Und mit einer „unerschöpflichen Vielzahl von Dingen“, etwa „ein T-Shirt für fünf Mark und eines für fünfhundert“.

Das Kapitel „Die Papierheiligen“ zeigt, dass neben dem familiären Zusammenhalt die Religion in ihrer ehemaligen Heimat eine Kraftquelle ist. „Das Heilige ist die überzuckerte Speise für die Hungrigen mit den eingezogenen Schwänzen“, las die Autorin. Dann legte sie ihr Buch weg und eröffnete die lebhafte Diskussion. Die Frage, worauf das autokratische System Russlands beruht, stand im Mittelpunkt. Durch die tiefe Religiosität seien die Menschen manipulierbar, meinte Tscheplanowa. Die Menschen würden Ikonen verehren wie Popstars. In der ehemaligen Sowjetunion habe eine Zeitverschiebung ins Mittelalter stattgefunden.

„Riss durch jede Familie“

Ein Gast berichtete von seiner Verwunderung bei einem Russland-Besuch, wie stark der Zweite Weltkrieg im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist. „Leben die Russen noch im Jahr 1945?“, fragte er. Tscheplanowa nickte. „Sozialismus ist auch Erinnerungskultur.“ Sie bestehe aus „Körpererinnerungen“ – Erinnerungen an den den täglichen Kampf um Essen und Kleidung in einer Mangelgesellschaft. Und aus Kriegserinnerungen, die von Putins Propaganda wach gehalten werden. In den Jahren seiner Präsidentschaft habe er „in homöopathischen Dosen“ das Land manipuliert und sei „unheimlich geschickt im Unterbinden von Widerstand“. Putin habe sich zusehends radikalisiert und das Land tief gespalten. Der Riss gehe durch jede Familie.

Erfreut erfuhren die Besucher, dass der Roman eine Fortsetzung erfahren wird, „einige meiner persönlichen Familiengeschichten sind noch unerzählt“. Und dass Tschenplanowa in einem Film spielt, der im Februar ins Kino kommt: „Wovon sollen wir träumen“ von Milena Aboyan und Constantin Hatz.

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