Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Stadt der rauchenden Schlote“

Die BASF prägt bis heute das Bild der Stadt.
Die BASF prägt bis heute das Bild der Stadt.

Viele deutsche Städte wollen nicht mehr einfach so heißen, wie sie heißen – sie geben sich einen „schmückenden“ Beinamen. Der soll im Idealfall ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt hervorheben und zur Identitätsstiftung beitragen. Für die Stadt Ludwigshafen war das schon vor mehr als 120 Jahren kein Problem.

Zum Teil damals bereits weltweit operierende Unternehmen wie die 1865 gegründete BASF, Giulini, Raschig, Knoll oder Benckiser sorgten gewissermaßen als Gruppe dafür, dass sich schon Ende des 19. Jahrhunderts die „jüngste Stadt am Rhein“ – so ein journalistisch geprägter Beinamens-Begriff dieser Zeit – „Stadt der Chemie“ nennen konnte.

Und dabei ist es bis heute geblieben – obwohl aus nicht ganz erfindlichen Gründen auch das schmückende Attribut „Stadt des Sports“ im Umlauf ist. Mit diesem austauschbaren Beinamen gehen aber auch andere deutsche Städte auf Werbetour – wenn sie in irgendeiner Weise sportlichen Erfolg vorzuweisen haben. Ludwigshafen ist jedoch zum Beispiel im Fußball nicht einmal zweitklassig vertreten. Schmückende Beinamen von Städten und Gemeinden müssen zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen seit zehn Jahren genehmigt werden – das schreibt die Gemeindeordnung vor. Rund 50 Kommunen machten bisher davon Gebrauch.

„Ein Stück Amerika“

Manche deutsche Städte trumpfen mit ihrer Vergangenheit oder ihren menschlichen Berühmtheiten auf – so etwa die „Eulenspiegelstadt“ Mölln, die „Fuggerstadt“ Augsburg oder München als „Die nördlichste Stadt Italiens“. Bis vor wenigen Jahren nannte sich Ludwigshafen viel bescheidener „Stadt der Arbeit“, und noch früher gab es sich als „Farbenstadt“ oder „Chromopolis“ als Produkt der Chemie zu erkennen, mit der zum Beispiel 1892 – so das Jubiläumsbuch „Geschichte der Stadt“ – 16 Ludwigshafener Unternehmen ihren Umsatz machten. Von diesen Beinamen spricht am Rhein keiner mehr.

Die am 27. Dezember 1852 von Bayern-König Maximilian II. zur politischen Gemeinde erhobene ehemalige Rheinschanze hatte schon fünf Jahre zuvor durch den aus Wiesbaden stammenden Schriftsteller Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) eine Art bewunderndes Attribut erhalten: „Ein Stück Amerika“ sei am Rhein entstanden, notierte der Hesse. Diesen Gedankengang nahmen die Initiatoren des Jubiläumsbuchs „Stadtgeschichte“ von 1903 auf: „Das Wachstum der Stadt ist kurzweg amerikanisch.“ Damit hatten sie auch recht, denn Ludwigshafen war die einzige erfolgreiche Stadtgründung des 19. Jahrhunderts im deutschen Binnenland – so die frühere Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) in einem Grußwort. Ebenfalls damals gegründet: Wilhelmshaven an der Nordsee.

Doch dann meldeten sich Kritiker zuhauf – schon vor mehr als 100 Jahren hatten auch Sozialkritik und Umweltbewusstsein bereits ihren Stellenwert. „Pfälzisches Chikago“ beurteilten um 1900 über den großen Teich blickende Bürger die „Fabrikstadt“ mit dem unruhigen Geschehen nach Feierabend. Schon 1889 beschrieb auch ein Redakteur der Tageszeitung „Pfälzischer Kurier“ seine Heimatstadt als „das junge, rußgeschwärzte pfälzische Chikago“ – etwas freundlicher, aber dennoch wenig hoffnungsvoll klang das Attribut „Eine Stadt ohne Vergangenheit“. Die hatte das gegenüberliegende Mannheim mit seinem prächtigen Schloss und seiner Straßenanlage: Sie nennt sich bis heute wegweisend „Quadratestadt“.

„Salat von Säuren gefressen“

„Stadt der Chemie“ – damit wollten sich von Beginn an schon vor mehr als 100 Jahren nicht alle Ludwigshafener anfreunden. „Von Großstadt muß unbedingt die Rede sein, wo der Salat in den Gärten von den Säuren gefressen anstatt von Menschen von Tellern gegessen wird“, beschrieb der offenbar desillusionierte protestantische Pfarrer Friedrich Gerber 1912 die Lage in Ludwigshafen. Und die beiden Stadtarchivare Stefan Mörz und Klaus Jürgen Becker fanden dazu für ihre Stadtchronik von 2003 ein passendes Foto von 1915, das die „Skyline“ der BASF mit rund 20 riesigen qualmenden Schornsteinen zeigt. Die Bildunterschrift ist auch Beiname: „Die Stadt der rauchenden Schlote“.

Blochs vernichtendes Urteil

Der in Ludwigshafen geborene und aufgewachsene Philosoph Ernst Bloch (1885-1977), der 1970 von OB Werner Ludwig zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde, fällte das wohl vernichtendste Urteil über die „Stadt der Chemie“. 1928 in einem Vergleich der beiden Schwesterstädte Mannheim und Ludwigshafen schrieb der damals 43-Jährige: „Das Mannheimer Schloss als Dekoration gab der Bourgeoisie Haltung – Ludwigshafen dagegen blieb der Fabrikschmutz, den man gezwungen hatte, Stadt zu werden.“

Aber er fand auch die Ursache dafür: „Orte wie Ludwigshafen sind die ersten Seestädte auf dem Land.“ Und: „Ein kleinbürgerliches Wildwest am Rhein …“

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