Ludwigshafen / Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Staatsphilharmonie gibt Mahlers Auferstehungssinfonie

Wo Mahler der Auferstehung harrt: Sein Grab auf dem Grinzinger Friedhof in Wien.
Wo Mahler der Auferstehung harrt: Sein Grab auf dem Grinzinger Friedhof in Wien.

Sie ist keine geistliche Musik, damit streng genommen kein Werk zum christlichen Osterfest, wohl aber eine „theologische“ Komposition über Leben und Tod – und eben über die Auferstehung: die zweite Sinfonie in c-moll von Gustav Mahler. Sie hat den Beinamen „Auferstehungssinfonie“, weil im Finale das Gedicht „Die Auferstehung“ von Friedrich Gottlieb Klopstock vertont wird. Am 2. Oktober wird die Sinfonie im Dom zu Speyer mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Michael Francis erklingen, am Tag darauf in Mannheim.

In dem geplanten Abschlusskonzert der Internationalen Musiktage Dom zu Speyer werden neben zwei Gesangssolistinnen der Speyerer Domchor singen. Es ist sehr zu hoffen, dass in einem halben Jahr die Corona-Pandemie soweit im Griff ist, dass die Aufführung dieses Monumentalwerks möglich wird. Und es wäre denkbar, dass das Konzert deshalb eine besondere symbolische Bedeutung erhält. Kein Musikstück würde dazu besser passen als diese Sinfonie.

Sie wird überhaupt oft zu geschichtsträchtigen Anlässen gespielt. Leonard Bernstein, einer ihrer größten Interpreten, hat sie mit den New Yorker Philharmonikern wenige Tage nach der Ermordung von John F. Kennedy 1963 in einem Fernsehstudio aufgenommen. Vor zehn Jahren hat sie eben dieses Orchester am zehnten Jahrestag von 9/11 als Gedenkkonzert in New York gespielt. 1995 erklang sie zum 50. Jahrestag der Bombardierung von Dresden in der Semperoper. Und in einer der womöglich bis dato letzten Aufführungen in Deutschland erklang sie im Januar 2020 in München zum Gedenken an den Jahrhundertdirigenten Mariss Jansons, der ebenfalls zu ihren herausragenden Interpreten gehörte.

In der Nachfolge von Beethovens Neunter

Was macht die Wirkung dieser knapp 90-minütigen Sinfonie aus? Lassen wir Mendelssohns zweite Sinfonie „Lobgesang“ mit ihrem Finale in Form einer Kantate einmal außer Acht, so ist die Zweite Mahlers das erste große sinfonische Bekenntniswerk nach Beethovens neunter Sinfonie, in dem der Komponist das gesungene Wort einbezieht und Solisten und Chor „braucht“. Wie gesagt, es geht hier um das Ganze des Daseins, um die letzten Dinge. Mahler geht hier an die Grenzen des zu seiner Zeit musikalisch Möglichen und klanglich Darstellbaren. Diese Ambition des Komponisten und die ultimative Botschaft des Werks sind unvermittelt zu spüren und geben der Sinfonie ihre anhaltende Wirkung. Theodor W. Adorno, der große Mahler-Deuter, glaubte, dass der Effekt der Zweiten allmählich verpuffen werde. Das Gegenteil ist der Fall. Sie ist eine der meistgespielten Sinfonien Mahlers. Dass sie nun wieder in den Dom kommen und von der Staatsphilharmonie musiziert werden soll, ist eine ausgesprochen freudige Perspektive.

Im Dezember jährte sich die Uraufführung der Sinfonie, die der 1860 geborene Komponist vor allem in seiner Zeit in Hamburg geschrieben hat, zum 125. Mal. Ausgangspunkt ist der große erste Satz, der 1888 zunächst als die sinfonische Dichtung „Todtenfeier“ entstand. Trauer- oder Grabesmusik also. Mahler selbst hatte zu dieser Zeit eine ganze Reihe programmatischer Texte zu seinen Sinfonien geschrieben. Diese hat er später aber, um Missverständnisse zu vermeiden, wieder verworfen. Als Material zum Verständnis sind sie jedoch, gerade im Fall der „Auferstehungs-Sinfonie“, durchaus von Interesse.

Die Stimme des kindlich naiven Glaubens

Mit einer Bearbeitung der „Todtenfeier“, in der auch schon das gregorianische Dies-Irae-Motiv und Momente von Jenseitshoffung aufscheinen, beginnt also die Sinfonie. Dann sind fünf Minuten Pause vorgeschrieben. Ein beschwingter zweiter Satz malt idyllische Erinnerungen an den Verstorbenen. Der dritte ist eine Groteske über die Vergeblichkeit irdischen Seins, eine Instrumentalbearbeitung des Wunderhorn-Liedes „Des heiligen Antonius von Padua Fischpredigt“. Hier gibt es schon erste Katastrophenmomente.

Als Kontrast folgt das von der Altstimme gesungene Lied „Urlicht“, ebenfalls aus „Des Knaben Wunderhorn“: die Stimme des kindlich naiven Glaubens ist zu vernehmen.

Wild herausfahrend beginnt das über eine halbe Stunde dauernde Finale. „Das Ende alles Lebendigen ist gekommen – und das jüngste Gericht kündigt sich an, und der ganze Schrecken des Tages aller Tage ist hereingebrochen“, schreibt Mahler selbst.

Bis zum Äußersten gesteigerter Klang

Schließlich rufen die Trompeten der Apokalypse aus allen Richtungen. Eine ferne Nachtigall ist als letzter, zitternder „Nachhall des Erdenlebens“ zu hören. In die äußerste Stille ertönt ganz leise der Chor mit den ersten zwei Strophen von Klopstocks Gedicht. „Und siehe da“, schrieb Mahler. „Es ist kein Gericht – Es ist kein Sünder, kein Gerechter, kein Großer – und kein Kleiner – es ist nicht Strafe und nicht Lohn! Ein allmächtiges Liebesgefühl durchleuchtet uns mit seligem Wissen und Sein.“

Die Musik wird klanglich bis zum Äußersten gesteigert und die gesungenen Worte stammen jetzt von Mahler selbst: „Sterben werd’ ich, um zu leben!“. Auf dem Höhepunkt, wenn noch die Orgel, das „göttliche Instrument“, einsetzt: „Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du, mein Herz, in einem Nu! Was du geschlagen, zu Gott wird es dich tragen!“

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