Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sonderbares und Besonderes: Die Fassaden der Quadrate

Ein typisches Bild in den Quadraten: historische Fassaden neben Nachkriegsbau. Mal gelingt (wie hier in L10) der Übergang gut, m
Ein typisches Bild in den Quadraten: historische Fassaden neben Nachkriegsbau. Mal gelingt (wie hier in L10) der Übergang gut, mal gelingt er weniger gut.

Die Fassade, die Haut eines Gebäudes, kann vieles sein: betonglatt oder voller verschnörkelnder Ornamente. Einfach und schlicht – oder stark repräsentativ. Monument einer blühenden Vergangenheit oder kühnes Statement für einen Schritt in die Zukunft. Mit dem digitalen Diskurs „Alles nur Fassade?“ widmet sich der Verein MOFA (Mannheims Ort für Architektur) der Fülle an Gebäudehüllen in den Quadraten.

Für Claudia Schmidt war es fast schon eine Bewusstseinserweiterung. Als Architektin hat sie für gewöhnlich Form und Inhalt einzelner Gebäude im Blick. „Mittlerweile schlägt mein Herz aber für Stadtraum-Ästhetik. Ich frage mich, wie überhaupt ein Stadtbild entsteht“, sagt die zugleich in München lehrende Professorin. Ihr Architekturbüro sitzt in einer besonders geschichtsträchtigen europäischen Hauptstadt: Amsterdam. Dort ist der Baustil innerhalb des Grachtengürtels klar von immer wiederkehrenden Motiven geprägt: Kanäle, Brücken, schmale, zum Teil schiefe Häuser samt Giebeln.

Geschichte aus 400 Jahren

Auch Mannheim hat mit seinen Quadraten ein klares Schachbrettmuster vorgegeben. Und doch sieht es in jedem Block ein wenig anders aus. „Mannheim ist heute eine typische postindustrielle Stadt. Sie wurde vor der Industrialisierung gegründet, dann aber durch diese überformt“, erklärt Schmidt. Während im Kern Amsterdams fast unberührt die barocke Blütezeit um Rembrandt und van Gogh allgegenwärtig zu sein scheint, wandelt man in den Mannheimer Quadraten eher durch einen epochalen Flickenteppich. Lässt sich Block um Block, Fassade für Fassade Geschichte aus 400 Jahren ablesen. Von barocken Ikonen wie dem Schloss, klassischen Gebäuden aus der Gründerzeit bis hin zu den einfachen Nachkriegsbauten und modernen Palästen aus Glas und Stahl.

Ein gutes Zeugnis

Erhalten, nach historischem Vorbild nachbauen, neue Wege wagen? Das ist eine ewige Debatte in der Stadtgestaltung. Mit Studierenden hat Schmidt gezielt die Quadrate ins Visier genommen und sich ähnlich wie die Architekturhistorikern Turit Fröbe die vermeintlichen Bausünden der 1960er- und 70er-Jahre angesehen. Insgesamt stellt sie dem Baustil der Neuzeit ein gutes Zeugnis aus. „Bestimmte Themen sind zurückgekehrt“, hat sie zum Beispiel die gelbe Schlossfarbe in der Fassade unscheinbarer Wohnhäuser wiedererkannt. „Der Neckartäler Sandstein wird mit einem Augenzwinkern aufgegriffen. Das hat durchaus Charme.“

Insgesamt lebe Mannheim von seinen historischen Umbrüchen, heterogenen Bauelementen, seiner Vielfalt. Auch Graffiti-Projekte prägen die Fassaden. Ab und an bündelt sich ein ganzer Mix aus Jugendstil, überzeichneten Nachkriegsbauten und modernen Gebäuden in einem Quadrat. „Das ergibt einen gewissen Rhythmus in den Straßenblocks, man kann es positiv wie negativ sehen“, warnt Schmid jedoch vor einer architektonischen Reizüberflutung. „Keep Mannheim weird“, habe der dänische Architekt Jan Gehl einmal gesagt. Aber wie sonderbar darf Mannheim sein?

„Näher an Berlin als an Karlsruhe“

Geht es nach Klaus Elliger, dem Leiter der Stadtplanung, macht gerade die Diversität die DNA des Mannheimer Stadtbilds aus. Das Nebeneinander der Kulturen spiegle sich in der Architektur wieder. „Am Luisenring steht die Moschee neben der katholischer Kirche satt versteckt im Gewerbegebiet. Ohne, dass sich jemand daran stört“, erklärt er. „Im Jungbusch liegt die hippste Kneipe neben einer Bauruine, gibt es industrielle Hafenarchitektur neben moderner Popakademie. Da sind wir näher an Berlin als an Karlsruhe.“

Gebäude aus verschiedenen Epochen müssten jedoch „eine harmonische Abfolge“ bilden. Beim Anblick der Fassaden von A1 bis P6 entdeckt man stilvolle Übergänge, aber auch starke Brüche und Kontraste. Wie aber schafft man mehr Kontinuität im urbanen Raum? Lernen könnte Mannheim von Amsterdam. Denn auch in der niederländischen Hauptstadt entsteht das einheitliche Bild erst im Auge des Betrachters. „Die Grachten sahen in den 80er-Jahren erbärmlich aus. Es war eine extrem entvölkerte Stadt, viele Bewohner sind in umliegende Neubausiedlungen gezogen“, sagt Schmidt. Erst eine Stadtreparaturgesellschaft habe mit großem Aufwand die Fassaden rekonstruiert. Auch die Mannheimer Quadrate seien in ihrer Art aufregend und einzigartig. Vielleicht müsste nur an ein paar Schräubchen gedreht werden, um die Schönheit der Fassaden aufzupolieren – und das Sonderbare in das Besondere zu verwandeln.

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