Ludwigshafen Sie wollen arbeiten

Die Migranten können sich bei 30 Ausstellern informieren. Beide Seiten sind motiviert und interessiert.
Die Migranten können sich bei 30 Ausstellern informieren. Beide Seiten sind motiviert und interessiert.

Es ist viel los im Pfalzbau. Auch sprachlich. Fetzen von Arabisch, Englisch, Somali, Deutsch wabern durch die Luft. Eine große, kräftige Klangwolke. Hierher, zur von Arbeitsagentur und Jobcenter veranstalteten Messe „Drehscheibe Integration“, kommen Menschen mit Fragen. Die meisten der rund 3500 Besucher sind Flüchtlinge. Sie wollen einen Job finden und möchten lernen, wie das überhaupt funktioniert in Deutschland. Sie wollen Geld verdienen. Einige sind über 40 Jahre alt. Für sie ist es schwer nachzuvollziehen, warum sie nach jahrelanger Arbeit im Heimatland hier noch einmal anfangen müssen. Und zwar ganz von vorne. „One year“, seit einem Jahr ist er in Deutschland. Das sagt der 20-jährige Ahmed Mohamed. Er kommt aus Somalia, wie auch Ahmed Yusuf (21), der neben ihm steht und seit „one year and six months“ hier ist. Ein Jahr und sechs Monate also. Es sei nicht einfach, in Deutschland einen Job zu finden. Als Einstieg ist ein Praktikum gut – das hat der Jüngere von den beiden schon gelernt. In der Hand halten sie dennoch Papierzettel mit konkreten Stellenangeboten. „Busfahrer“ steht bei Ahmed Mohamed. Unsere Unterhaltung in brüchigem Englisch wird gestoppt, als Anja Clemens ins Gespräch einsteigt. Wir sollten doch Deutsch reden, schlägt sie vor – berechtigt, ist sie doch die Deutschlehrerin der Männer. Mit einer ganzen Gruppe ist sie hier auf der Messe unterwegs: Menschen aus Eritrea, Albanien, Syrien, aus dem Irak und eben aus Somalia. „Wie lange dauert eine Berufsausbildung? Welches Sprachniveau wird gebraucht? Wohin kann man sich wenden?“ Das seien Fragen, die ihre Schüler hier stellen, sagt Clemens, die beim Internationalen Bund Südwest in Ludwigshafen unterrichtet. Aus dem Sprachkurs sollen die Schüler mit dem Level B1 herausgehen, begonnen haben sie als blutige Anfänger. Für die meisten Ausbildungen wird zu B2 geraten – eine Stufe höher. Ohne Sprache geht gar nichts. Das wissen auch die zwei Schwestern, die man beim Rundgang trifft. Khadra und Sofia Bashir kommen ebenfalls aus Somalia. „Ich möchte eine Arbeit oder ein Praktikum suchen“, sagt die 21-jährige Khadra auf Deutsch. Am liebsten im Kindergarten. Da wird sie hier an den Ständen allerdings nicht fündig. Unter den 30 Ausstellern auf der Messe sind stattdessen Krankenhäuser, Personalservice-Firmen, eine Bäckerei, Zeitarbeitsfirmen – auch Stände der Agentur für Arbeit Ludwigshafen und des Jobcenters Vorderpfalz-Ludwigshafen. In ihrem Heimatland war Khadra Friseurin. Sofia würde gerne als Krankenschwester arbeiten, aber da müsse man viel sprechen und demnach gut Deutsch können. Deshalb möchte sie es zunächst einmal als Schneiderin versuchen. Menschen sammeln sich vor Ständen. Hier gibt’s wahres Interesse. Kaum einer sitzt beteiligungslos am Rand. Die Flüchtlinge wollen nicht nur des Geldes wegen arbeiten, sondern auch, um eine Aufgabe zu haben, etwas zu tun. Das bestätigt Britta Schentke, die am Stand der Industrie- und Handelskammer (IHK) Pfalz steht. Diese bietet seit kurzem einen Kompetenzcheck für Flüchtlinge an (wir berichteten überregional), bei dem die Teilnehmer am Ende ein Schriftstück mit ihren beruflichen Fähigkeiten in den Händen halten. „Viele haben verstanden, dass man in Deutschland Dokumente braucht“, sagt Schentke. Und die haben sie oft nicht. Auch wenn die Abkürzung „IHK“ kaum einem Flüchtling etwas sagt – der Check ist eine tolle Chance, die sie nutzen. Etwas abseits des Trubels bietet die Agentur für Arbeit Tipps zu Bewerbungsmappen an. Ob denn schon viele gekommen sind, um Lebenslauf und Anschreiben prüfen zu lassen? „Das ist eher zweitrangig“, sagt Berufsberater Zeljko Kuzmanovic. Die meisten hätten grundsätzlichere Fragen wie: Arbeit oder Ausbildung? Oder: Was ist eine Ausbildung? In ihren Heimatländern ist das System der Berufsausbildung meist fremd. „Viele wollen was Soziales machen. Auch Kfz-Mechaniker ist als Berufswunsch mit dabei.“ Kuzmanovic gibt gerne Auskunft, den Männern und Frauen. Beide Geschlechter sind hier vertreten, wenn auch mit männlichem Überschuss. Schwierig ist die Vorstellung, nicht immer gleich Geld verdienen zu können. An einem anderen Stand ist die klare Aussage eines Besuchers: „Kein Praktikum!“ Ähnlich geht es Fsaha Solomon Berhe aus Eritrea. Er lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. „Ich lerne jetzt B1“, erzählt er, während er einen Bogen ausfüllt. „Ich möchte gerne als Tischler arbeiten“, sagt der 29-Jährige dann noch, ergänzt aber seinen Eindruck, dass es in Deutschland kaum Jobs „mit der Hand“, sondern nur mit Maschinen gebe. Sechs Monate hat er gebraucht, um hierher zu kommen. Über den Sudan, Libyen, dann über Italien führte seine Route. Eine lange Reise war das, eine beschwerliche und gefährliche auch. Jetzt ist Fsaha hier, im Pfalzbau. Und er möchte eine Arbeit finden. Wie all die anderen auch.

x