Kolumne „Ausgesucht“
„Sie spielte wie im Rausch“: Unsere Kultur-Tipps über eine vergessene Schauspielerin
Heute ist Welttag des Buches. Daher empfehle ich erst einmal zwei neue Bücher, bevor ich zu einer Preisverleihung komme. Wer kennt heute noch Maria Orska? Ich vermute mal: niemand. Doch jetzt ist ein schönes Buch über die russisch-jüdische Schauspielerin erschienen, die 1910 und 1911 auch am Mannheimer Nationaltheater – damals noch am Schillerplatz – war. Sie kam an der Seite von Fritz Kortner direkt vom Konservatorium, der „Theaterschulbank Wiens“, in die Quadratestadt. Hier spielte sie „Die Jüdin von Toledo“ oder August Strindbergs „Königin Christine“, die Tochter und Nachfolgerin von Schwedens Gustav II. Adolf, die für ihre Rolle auf dem schwedischen Thron von Kind an zum Mann erzogen worden war.
So beeindruckend war die Orska, die damals den Künstler-Vornamen „Daisy“ führte, dass der Freinsheimer Theaterkritiker Hermann Sinsheimer schwärmte: „Ein ganz großer Erfolg! Mit einer Art von prickelnder Würde spielt sie, wenn schon vielleicht eine Dirne, so doch eine königliche, mit stolzer Geste, stolzeren Worten, stolzester Laune.“ Ihrer Mannheimer Zeit, auch wenn sie nur eine Saison lang währte, widmet die Autorin Ursula Overhage in ihrer Biografie „Sie spielte wie im Rausch - Die Schauspielerin Maria Orska“ (Henschel Verlag, 272 Seiten) ein ausführliches Kapitel. Über Kortner in Mannheim ist darin ebenso Interessantes zu erfahren wie über die Regisseure und Intendanten Carl Hagemann und Ferdinand Gregori.
Orska ging von hier aus an das Hamburger Deutsche Schauspielhaus und später an Max Reinhardts Berliner Bühnen. Dort begann sie noch vor dem Ersten Weltkrieg auch eine kurze Karriere beim Stummfilm, die nach einem Jahrzehnt endete, bevor die Morphinistin 1930, im Alter von nur 37 Jahren, mit einer Überdosis Veronal Selbstmord beging.
Flottenpropaganda mit „Böller-Bombardement“
„40/2020“ lauten Nummer und Datum der jüngsten Ausgabe der „Mannheimer Geschichtsblätter“ (Verlag Regionalkultur, 160 Seiten), doch erschienen sind sie gerade mal vor drei Wochen. Das weite Spektrum des reich bebilderten Bandes, den der Mannheimer Altertumsverein, die Reiss-Engelhorn-Museen und das Marchivum regelmäßig herausgeben, reicht diesmal von der in hellenistischer Zeit produzierten Gnathia-Keramik bis zur Vorgeschichte des Landesmuseums für Technik und Arbeit, des heutigen Technoseums. Dazwischen verweisen ausführliche Beiträge auf die frühmittelalterliche Besiedlung des Raumes Heddesheim, auf neue Kellerfunde aus dem 17. Jahrhundert in den H-Quadraten oder auf die Heidelberger Raugräfin Luise zu Pfalz, die Halbschwester der ungleich populäreren Liselotte.
Einen kleinen Schwerpunkt bildet die lokale Militärgeschichte mit Texten über das Gefangenenlager in Mannheim-Herzogenried im Ersten Weltkrieg, das Ende des Zweiten Weltkriegs aus US-amerikanischer Sicht und die spektakuläre Flottenpropaganda des wilhelminischen Kaiserreichs, in deren Zug 1900 eine komplette Division Torpedoboote tagelang im Rhein vor Mannheim und Ludwigshafen Station gemacht hat. Ein „wahres Böller-Bombardement“ soll dazu ertönt sein, steht hier zu lesen, garniert von „schneidiger Militärmusik“ und umjubelt von Schaulustigen.
„Mank“ mit Oggersheimer Schauspielerin nominiert
In der Nacht von Sonntag auf Montag, vom 25. auf den 26. April hiesiger Zeit, werden in Los Angeles die Academy Awards oder Oscars vergeben. Verteilt auf mehrere Orte, mit verändertem Reglement und ohne Moderator, jedoch unter Mitwirkung zahlreicher früherer Preisträger. Live verfolgen kann man die Verleihung am frühen Montagmorgen ab 0.40 Uhr auf Pro Sieben oder zum Beispiel auf dem Twitter-Kanal des Internet-Portals Filmdienst (twitter.com/filmdienst), der von 0 Uhr bis 1.30 Uhr mit einem Livegespräch fachkundig auf die Preisvergabe einstimmen möchte und ab 2 Uhr die Entscheidungen kommentieren wird. Die Netflix-Produktion „Mank“ mit der Oggersheimer Schauspielerin Monika Gossmann hat eine oder – da zehnfach nominiert – gleich eine Vielzahl echter Chancen, genauso wie die intensive, heftige Brandkatastrophen-Doku „Kollektiv - Korruption tötet“ des deutsch-rumänischen Regisseurs Alexander Nanau, die als bester Dokumentarfilm wie als bester internationaler Film nominiert ist.
Zu den coronabedingten Besonderheiten gehört, dass über 30 der nominierten Filme aktuell schon auf Streaming-Plattformen verfügbar sind. Wer möchte, könnte sich heute also bereits vorab auf den Stand der Juroren bringen, während in früheren Zeiten viele dieser Werke erst Wochen oder Monate nach der Zeremonie zu sehen gewesen wären. „Mank“ gibt es so auf Netflix (netflix.com), „Kollektiv“ in der ARD-Mediathek (ardmediathek.de).