Ludwigshafen Schmutzige Schönheit
Vor zwei Jahren war er Kurator beim Neuen deutschen Jazzpreis in Mannheim und gab damals auch ein Konzert mit seinem eigenen Ensemble. Nun hat der polnische Trompeter Tomasz Stanko erneut in der Alten Feuerwache gastiert, wieder begleitet von seinem New York Quartet, das damals schon überzeugte und seither noch besser geworden ist.
Keiner vermag solch nachtschwarze Balladen zu spielen. Stankos Trompetenton ist gleichermaßen zart und rau, von einer schmutzigen Schönheit, ein Ton, der aus dem Nichts zu kommen scheint, dem kaum noch Hörbaren entrungen, sanft vibrierend, hitzig glühend, von Anblasgeräuschen wie von einem Windhauch umhüllt. Als „slawisch“ wurde dieser Klang beschrieben, abgründig auf jeden Fall, ein Ton, der nicht nur Geschichten zu erzählen vermag, sondern eine eigene Geschichte hat. Stanko, inzwischen 73 Jahre alt, steht für die Emanzipationsgeschichte des europäischen Jazz. Klassisch ausgebildet auf Klavier und Geige, später an der Musikhochschule in Krakau auf der Trompete, suchte er sich zu Beginn seiner Karriere die Vorbilder in den USA. Das von nervöser Schönheit durchdrungene Spiel des Altsaxophonisten Ornette Coleman hat ihn vor allem beeindruckt. Von Anfang an wichtig war aber auch die Zusammenarbeit mit Musikern aus Europa, mit dem Komponisten Krzysztof Komeda und den Jazzern seiner polnischen Heimat, in den 70er Jahren dann die Jazz-Avantgarde Deutschlands und Skandinaviens. Und irgendwann war der Mann mit dem düsteren Sound auch in den USA gefragt, spielte mit Cecil Taylor, Jack DeJohnette, Gary Peacock. Seit ein paar Jahren pendelt Stanko zwischen Warschau und New York, wo er aus begabten jüngeren Musikern sein Quartett zusammengestellt hat. Die Band mit ihrer respektvoll-zurückhaltenden, einfühlsam-offenen Spielweise ist nicht nur bei ruhigen Balladen genau der richtige Partner. Auch bei den Uptempo-Stücken bilden das elastische Schlagzeugspiel von Gerald Cleaver, der wuchtig-warme Kontrabass von Reuben Rogers und die fantasievoll verschlungenen, aus Akkordverdichtungen hervorbrechenden Tonlinien des aus Kuba stammenden Pianisten David Virelles eine Art federndes Luftkissen, auf dem sich Stankos Trompete sicher bewegen kann. Alles zusammen ist zeitgenössischer Jazz in Vollendung, der hinter all der Schönheit und Perfektion die harschen Ungewissheiten des Free Jazz immer noch ahnen lässt. Was dem schmächtigen Mann mit der Glatze, dem grauen Kinnbärtchen und dem übergroßen Sakko gänzlich fremd ist, das ist die funkenstiebende Kraftmeierei, die viele der hochbegabten jüngeren Trompeter gern demonstrieren. Statt metallischem Glanz bietet sein Trompetenspiel luftige Beiläufigkeit, cooles Understatement. Spannung entsteht hier nicht durch die ausladende Geste, sondern durch konzentrierte Detailarbeit: ein von der Fülle der Klangfarben zum Vibrieren gebrachter Ton; eine Kantilene, die aus silbriger Höhe urplötzlich in abgründige Tiefe stürzt; ein dunkler Trauerton, der im lautlosen Nichts zu verlöschen scheint. Die Melancholie von Stankos Musik ist keine modische Außenhaut, sondern Zeichen von Fragilität, Verletzlichkeit. Zum Glück hat er vier exzellente Partner, die ihn auf seinem Weg durch die Nacht begleiten.