Ludwigshafen Schluss mit Alkohol

Seit nunmehr 60 Jahren weist das Blaue Kreuz alkoholabhängigen Menschen in Ludwigshafen einen Weg aus der Sucht. Grund genug, dieses Jubiläum am Sonntag, 1. Juni, ab 10 Uhr mit einer Festveranstaltung in der Friesenheimer Friedenskirche (Leuschnerstraße 56) zu feiern – zusammen mit dem 50-jährigen Bestehen des Landesverbands.
Unter dem Jahresleitwort „Zufrieden loslassen“ sind dabei unter anderem ein Gottesdienst, ein Mittagessen sowie ein nachmittägliches Festkonzert mit Marcel Adam vorgesehen. „Das Blaue Kreuz lernt man in der Regel erst dann kennen, wenn man es selbst braucht“, berichtet der pensionierte Industriekaufmann Karl Fischer (70), Vorsitzender des Ludwigshafener Orts- und des Landesverbands. Daher sei in der Öffentlichkeit verhältnismäßig wenig über die Arbeit des gemeinnützigen Vereins bekannt, bedauert Fischer. Die Selbsthilfeorganisation hat nach ihrer Gründung im Jahr 1954 ihre Dienste zunächst an wechselnden Adressen angeboten. Seit drei Jahrzehnten ist sie nun aber schon im Albert-Schweitzer-Haus am Goerdelerplatz untergebracht. Anfangs habe sich die Gruppe die Räume noch mit der städtischen Suchtberatungsstelle geteilt, erinnert sich der 70 Jahre alte Vorsitzende. Als diese vor einigen Jahren ins Haus der Diakonie in die Falkenstraße umgezogen war, ergab sich für das Blaue Kreuz die Möglichkeit zur Erweiterung seines Angebots. „Natürlich kamen dadurch auch zusätzliche Kosten auf uns zu“, berichtet Fischer weiter. „Aber andererseits konnten wir unsere Aktivitäten deutlich ausbauen.“ Heute seien im Haus Büro- und Gruppenräume zu finden und auch das „Betreute Wohnen“ sei dort untergebracht. Dort werden Alkoholkranke, die eine erfolgreiche Therapie in einer Fachklinik absolviert haben, wieder auf ein eigenverantwortliches Leben vorbereitet. „Wir haben eigens dafür einen hauptamtlichen Betreuer eingestellt.“ Zufrieden ist der Vorsitzende auch damit, wie gut die verschiedenen Gruppenangebote mittlerweile angenommen werden. „Die ganze Woche haben wir Leben im Haus“, sagt er. Bei unterschiedlichen Gesprächsrunden und Fachvorträgen würden übers Jahr zusammengenommen gut 1500 Teilnehmer den Weg ins Albert-Schweitzer-Haus finden. Einer von ihnen ist der 34-jährige Ludwigshafener Manfred K. Zumeist donnerstags besucht er seit Anfang des Jahres die sogenannte Motivationsgruppe. „Meinen ersten Kontakt zum Blauen Kreuz hatte ich schon vor zweieinhalb Jahren“, erinnert er sich. Ein Arbeitskollege, der auch heute noch ehrenamtlich bei der Selbsthilfeorganisation tätig ist, habe ihn auf seine übermäßigen Trinkgewohnheiten angesprochen. „Aber ich habe mein Alkoholproblem damals noch nicht realisiert“, gesteht K. Das Trinken habe sich bei ihm „allmählich entwickelt“. Mit 19 Jahren habe ihm ein schwerer Schicksalsschlag in der Familie den Boden unter den Füßen weggezogen. Alkohol sollte ihm bei der Bewältigung helfen, glaubte er zu dieser Zeit. Ein Trugschluss, wie er heute weiß. Denn aus Bier wurde bald Hochprozentiges, und wenn es dann familiäre Schwierigkeiten gab, „habe ich grenzenlos getrunken“. Er habe immer geglaubt, seinen Alkoholkonsum unter Kontrolle zu haben. „Dabei habe ich eigentlich nur noch unkontrolliert gesoffen“, findet er heute drastische Worte für sein damaliges Verhalten. Als er 2013 zweimal kurz hintereinander seinen Arbeitsplatz verlor, habe er sich zwei Tage am Stück „den Kopf weggeblasen“. Das sei für ihn der absolute Tiefpunkt gewesen. „Mir wurde klar, dass ich mir dringend Hilfe suchen muss.“ Heute ist Manfred K. froh, diese Unterstützung vom Blauen Kreuz angenommen zu haben, auch wenn es anfangs viel Überwindung gekostet habe. „Ich kann jedem, der Alkohol konsumiert, nur raten, über sein individuelles Trinkverhalten nachzudenken, sich nicht selbst zu belügen und im Zweifelsfall eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen.“ Manfred K. hat es geholfen: Er ist seit fünf Monaten trocken, könnte, wie er sagt, „jeden Tag wieder Bäume ausreißen“. Und eine aktive Einbindung in die Arbeit des Blauen Kreuzes sei für ihn durchaus vorstellbar, um seine Erfahrungen an andere weiterzugeben.