Mannheim
Schallplatten- und CD-Börse: Glücksgefühle auf Vinyl gepresst
„Hast du was von Led Zeppelin?“ Der Mann, dem die Frage gilt, überlegt nicht lange. Mit einem Lächeln zieht er eine Schallplatte aus einer Kiste. Auch bei seinem Kunden wandern die Mundwinkel nach oben. Ein Blick auf das Cover genügt. Das sind Glücksgefühle auf Vinyl gepresst. Genau darum ging es am Samstag im Mannheimer Rosengarten. In dem großen Saal unter dem Kongresszentrum fand die beliebte Schallplatten- und CD-Börse von Wolfgang Korte (70) statt.
Der Frankfurter, der in der Szene als „Wolly“ bekannt ist, sorgt seit mehr als 30 Jahren dort und an anderen Standorten dafür, dass die Träume von Liebhabern des klassischen Vinyls wahr werden. Neben Tonträgern wandern auch rar gewordene Filme über den Ladentisch, die man sich früher in der Videothek ausgeliehen hat. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der guten alten Schallplatte, der Generationen von Hörern ihre musikalische Bildung zu verdanken haben.
Erfahrung mit allen Sinnen
Schon viele Male totgesagt, ist das Vinyl heute beliebter denn je. Was manchen anachronistisch erscheinen mag, ist für andere Kult. Allen Vorteilen zum Trotz, die das Streamen von Songs zweifelsohne hat, schwören auch immer mehr junge Menschen auf das Klangerlebnis, das ihnen eine Schallplatte beschert. Doch da ist noch mehr, wie Michael Fischer (63) weiß, der für Wolfgang Korte die Öffentlichkeitsarbeit macht. Das Gefühl, etwas Einzigartiges in Händen zu halten, werde immer einen Unterschied machen.
Das Phänomen ähnelt demnach einem Buch, in dem man blättert, wobei man noch den Geruch der Seiten in der Nase hat. Diese Erfahrung mit allen Sinnen sei etwas, das die digitale Klangwelt einem Hörer so nicht bieten könne. Eine Schallplattenbörse ist deshalb nicht nur eine reine Verkaufsveranstaltung, sondern ein wichtiger Treffpunkt für Menschen, die einer gemeinsamen Leidenschaft nachgehen. Beim Stöbern kann man den üblichen Mainstream und Schnäppchen, aber auch echte Raritäten entdecken. Das hat etwas vom Adrenalin-Kick einer Schatzsuche. Zur Befriedigung der Sammler-Leidenschaft können beachtliche Summen fließen.
Gefühl wie bei Museumsbesuch
Die Käufer haben Originalpressungen und Länderversionen von Klassikern, wie zum Beispiel im Fall des Albums „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, auf dem Radar. Der Wert einer Schallplatte definiert sich immer als audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Fast immer spielt die Gestaltung des Covers eine wichtige Rolle. Kevin (36) betrachtet gerade das Album einer polnischen Elektro-Band aus den 1980er-Jahren. „Schaut gut aus“, sagt er zu seinem Kumpel Alex (31), der zum ersten Mal auf einer Plattenbörse ist.
„Den Namen der Band habe ich noch nie gehört“, räumt Kevin mit Blick auf das rund 50 Jahre alte Exemplar ein. Das eher ungewöhnliche Format bewegt ihn zu einem Blindkauf. „Wenn mir der Sound nicht gefällt, kann ich die Platte ja wieder verkaufen“, bemerkt er dazu. Bis dahin wird sie seine Sammlung bei sich daheim in Mannheim bereichern. Schallplatten seien Zeitdokumente, finden beide. So etwas auf einer Veranstaltung wie im Rosengarten in der Hand zu halten, fühlt sich ihrer Meinung nach in etwa wie ein Museumsbesuch an.
Echte Goldgrube für DJs
Dieses „Museum“ bietet Platz für rund 100.000 Schallplatten aus allen musikalischen Genres. Ein Paradies für Enthusiasten wie Dave (38), der ebenfalls aus Mannheim kommt. Seine Leidenschaft gilt vor allem Hip-Hop, Soul und Funk. Schallplatten, von denen er mehr als 1000 besitzt, setzt er unter anderem dafür ein, Mixtapes aufzunehmen. Gerade für DJs sind Plattenbörsen deshalb eine echte Goldgrube. Ältere Alben und Raritäten sind besonders gefragt, wenn es darum geht, aus dem alten einen neuen Groove zu sampeln.
Volodymyr (40) ist aus Neckarsulm angereist, um im Rosengarten zu stöbern. Der Musik-Journalist stammt aus der Ukraine, wo er vor dem Krieg unter anderem für TV-Kanäle gearbeitet hat. Er hat einige Maxi-Platten von Alternative- und Industrial-Bands für sich und Freunde in der Heimat eingepackt, wo neue Labels gerade in großer Zahl gegründet würden. „Solche Platten gibt es bei uns in der Ukraine nicht, oder sie sind nur sehr schwer zu finden“, schwärmt er über seinen Fund, bevor er wie so viele Gleichgesinnte weiter in der Schatzkiste im Rosengarten sucht.