Mannheim
Sandro Kopp: Kunst fürs Auge und fürs Herz
Der Mensch im Mittelpunkt: Mal wieder jemand aus der Allianz der Langweiligen und Guten? Wenn so etwas auf einer Ausstellungskarte stünde, nähme unsereiner sofort Reißaus. Aber halt! Sandro Kopp kommt zwar aus der figurativen Malerei, ist aber aus anderem Holze geschnitzt. Seit 2006 ist der in Heidelberg geborene Weltreisende nach Jahren in seinem Mutterland Neuseeland in den hintersten schottischen Highlands zu Hause.
Wenn er denn mal zu Hause ist. Kopp reist mit kleinem Gepäck. Hat aber alles Nötige dabei. Auf einem Foto im Katalog sehen wir ihn in einem Park in Bangladesh vor einer jungen Frau sitzen und auf einem kastenförmigen kleinen Ding malen. Nicht zu sehen, dass der Gegenstand ein Auge ist. Augen bevölkern nun auch massenhaft Wände im Mannheimer Kunstverein. Augen von Bekannten, Freunden, Familienangehörigen. Immer nur eines, übergroß. Bei längerem Hinsehen scheinen sie plastisch aus den farbigen, mal goldenen oder silbernen Bildgründen zu springen. Alles ist klassisch in Öl, und manchmal spiegelt sich der Maler in der Pupille. Kopp weiß alle Geschichten seiner – Zitat – „sehr eng gestrickten Augenporträts“. Wer, wann, wo auf der Welt, welche Situation. Die seit 2017 laufende Serie verfolgt einen noch, wenn man ihr den Rücken zugedreht hat.
Im Geist nah bei Rembrandt
Die drei Serien „The New Me“ (Das neue Ich) von 2008, 2013 und 2020 sind in Mannheim zum ersten Mal in einem Raum ausgestellt. (S)ein Männergesicht im Wandel der Zeit. Jeden Tag ein Protokoll gelebten Lebens. Jeden Tag ein Blick ins Gesicht, sieben Bilder in vier Reihen untereinander, macht 28 Tage. Fast einen Monat. Und schon denkt man an Kollegen wie Rembrandt, die die Selbsterkundung (und die ihrer Malerei) auf die Spitze getrieben haben. Nur eben hübsch nacheinander und mit den künstlerischen Mitteln ihrer Zeit.
Es bleibt der Verdacht, dass Sandro Kopp im Geiste nahe bei den Klassikern haust, die er in Malerei, Zeichnung und (nicht ausgestellten) Foto-und Videoarbeiten konsequent ins 21. Jahrhundert fortschreibt. Skype-Porträts macht er seit 2009. Damals war er Pionier, heute schwappt eine Flut von (meist) verzichtbaren Nutznießern über die Kunstszene. Denn: Der Spagat zwischen einfachem Da-Sein und seiner die Möglichkeiten der Fotografie übersteigenden virtuellen Filterung zu beherrschen, ist eine Kunst, für die es kein Atelier braucht.
Zwischen realer und virtueller Welt
Beispiele? Die mit Öl gemalten und gezeichneten kleinformatigen Lockdown-Porträts von in der ganzen Welt verstreuten lieben Menschen aus den Corona-Jahren 2020 und ’21 beruhen auf ausgiebigen Skype-Chats – einschließlich der Fehler, die bei schlechten Übertragungen entstehen. Dass Kopp mit nicht lichtechten Ölkreiden gezeichnet hat, ist eine besondere Pointe: Verblassen und Verschwinden scheinen billigend eingepreist.
Kommt man im Mannheimer Kunstverein dieser zwischen realer und virtueller Welt souverän vermittelnden Kunstpraxis auf die Schliche? Eher nein. Kopps brachial pastose Ölmalerei nach Bildern zu Wes Andersons Film „The French Dispatch“ sind eine Überraschung, die der Künstler selbst als „natürliche Weiterentwicklung“ seiner Arbeit beschreibt. Fast konträr dazu auf der Empore Zeichnungen von klassischer Präsenz und koloristischer Blässe. Skype-gezeugte und großzügige miteinander verwobene Akte sind das, Körperlandschaften, die Suchspielen gleichen, die Kontur gibt nur bedingt den Wegweiser. Dass die vorbereitende Handzeichnung die Voraussetzung jeder Malerei ist, wer wüsste es nicht.
Am Ende wieder der Verdacht, dass der voll auf der Höhe der Zeit agierende Maler Sandro Kopp im Grunde doch nah an der Kunstgeschichte und ihren Lehren siedelt. Diese Ausstellung ist ein überfälliges Geschenk für alle, die Augen im Kopf haben und denen die Zukunft der Malerei am Herzen liegt.
Die Ausstellung
Bis 31. Juli täglich außer montags 12 bis 17 Uhr, mittwochs 14 bis 19 Uhr; Katalog 15 Euro.