Ludwigshafen Salat auf dem Teller, Notfälle im Kopf
Donnerstag, kurz vor 12 Uhr. Heinz Palme hat sich seinen Stammplatz gesichert. In der Nähe der großen Fensterfront hat der 76-Jährige sich niedergelassen – wie seit 20 Jahren, jeden Tag. Meist sitzt er alleine. „Wenn er mal nicht kommt, machen wir uns schon Sorgen“, sagt Peter Strasser, der Leiter des Verpflegungsmanagements im St.Marien- und St. Annastiftskrankenhaus. Als der ehemalige BASF-Angestellte Palme in den Ruhestand ging, habe er ein Lokal zum Mittagessen gesucht, berichtet er. Es ist die Klinik-Cafeteria in der Salzburger Straße geworden. Er komme vor allem wegen des Essens. Dass auch Gewohnheit und Tradition eine Rolle spielen, merkt, wer mit dem ordentlich gekleideten, eloquent wirkenden Mann ins Gespräch kommt. „Gnocchi könnte es mal wieder geben“, sagt Palme noch zu Küchenchef Strasser. 180 bis 200 Essen wandern jeden Tag über den Cafeteria-Tresen. Werden noch die für die Patienten in den Zimmern mitgezählt, kochen die Mitarbeiter in der Küche täglich 650 bis 700 Mahlzeiten, sagt Strasser. 49 Menschen arbeiten in Cafeteria und Küche. Neben Heinz Palme gibt es noch andere Stammgäste. „Gegen 13 Uhr kommt ein älteres Ehepaar. Das kommt schon von Anfang an.“ Strasser kennt seine Gäste. Die Mitarbeiter der Physiotherapie erkennt man an der weißen Kleidung. Wer im OP arbeitet, erscheint in blau. Geschirr klappert auf Tellern, Gesprächsfetzen fliegen durch den Raum, Soßengeruch liegt in der Luft. Heute gibt’s Rindergeschnetzeltes, Steak oder vegetarische Taschen. Die meisten Gäste sitzen in Gruppen zusammen, viele sind ins Gespräch vertieft. So auch Irene Seiler und ihre Kollegen, die immer an einem großen Tisch in der Mitte der Cafeteria Platz nehmen. Sie gehören zum Besuchsdienst der Ökumenischen Krankenhaus-Hilfe. „Das Essen ist sehr gut“, sagt die 73-jährige Ehrenamtlerin, die sich fürs Rindergeschnetzelte mit Nudeln entschieden hat und berichtet, dass die Zeit in der Cafeteria für sie und ihre Kollegen mehr ist, als nur eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. „Das benutzen wir gleichzeitig zum Austausch, damit man das Erlebte nicht mit nach Hause nimmt“, sagt Seiler. Schlimme Krankengeschichten, private Probleme – die Patienten freuen sich, beim Besuchsdienst am Bett ein offenes Ohr zu finden. Während oben schnabuliert wird, läuft unter Tage die Arbeit auf Hochtouren. Im Keller, in der Küche des St. Marienkrankenhauses, fährt ein Essen nach dem anderen von einem langen Fließband. Darauf Tabletts mit einem Zettel. Die Patienten auf Station können sich ihr Essen unter der Woche genau zusammenstellen. Je nach Angaben auf dem Zettel, befüllen die Küchenmitarbeiter das Tablett. Während Peter Strasser das erklärt, fährt ein Teller mit Fleisch und Beilage, dazu noch Salat und ein Obstsalat als Nachtisch auf uns zu. Ein Mitarbeiter macht den Deckel drauf. Fertig. Wieder oben gesellen wir uns zu denen an den Tisch, die grundsätzlich wenig Zeit zum Essen haben. Andreas Strobel, Oberarzt Chirurgie, ist nicht nur mit seinem Salat beschäftigt, sondern auch mit einem Kollegen im Gespräch. Den Besuch der Cafeteria nutze er auch immer, um Patienten zu besprechen, sagt Strobel. „Wir reden die ganze Zeit mit vollem Mund. Zuhause darf ich das nicht“, sagt er und muss – trotz Eile – ein wenig schmunzeln. Vor ihm auf dem Tisch liegen zwei Mobiltelefone. Abseits des festen OP-Plans muss er auch für Notfälle einsatzbereit sein. Wie oft es ihm passiere, dass er, gerade an der Ausgabe stehend, die dampfenden Kroketten auf dem Teller, angepiept wird? „Das passiert andauernd“, sagt der 43-Jährige. „Aber die hier passen schon auf uns auf“, sagt er. „Die hier“ sind nette Cafeteria-Mitarbeiter, die Mahlzeiten auch mal zurückstellen, bis die Ärzte Zeit zum Essen haben. Und essen müssen sie. Alleine, um für stundenlange Operationen fit zu sein. An der Ausgabe ist viel zu tun. Freitags stünden die Gäste Schlange für den panierten Fisch mit Remouladensoße, berichtet Strasser. Sobald der Inhalt eines Gefäßes zur Neige geht, werde in der Küche nachbestellt. „Es ist manchmal schon stressig“, sagt eine Cafeteria-Mitarbeiterin. Aber sie mag ihren Job, den sie seit fast 17 Jahren macht. „Die Arbeit ist abwechslungsreich“, man habe mit unterschiedlichen Menschen zu tun. Stimmt: mit Gemütlichen, Beschäftigten, mit Engagierten, mit Besorgten, mit Kranken. Alle bekommen hier ihre Mahlzeit. Jeden Tag.