Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sängerin Jennifer Weist stellt ihre schonungslose Autobiografie in der Alten Feuerwache vor

„Vielleicht wär’s halb so schwer, wenn ich’n bisschen anders wär.“ Jennifer Weist ist aber eben so, wie sie ist, und wie es dazu
»Vielleicht wär’s halb so schwer, wenn ich’n bisschen anders wär.« Jennifer Weist ist aber eben so, wie sie ist, und wie es dazu kam, das beschreibt sie in ihrem Buch »Nackt«, über dessen Entstehung sie sagt: »Ich hab so oft geweint, ich hab geschrien, ich hab geflucht.«

„Nackt“ hieß ihr letztes Album und „Nackt – Mein Leben zwischen den Zeilen“ heißt auch ihr neues Buch.

Auf ihrer „Lese- und Akustiktour“ besuchte die bekannte Sängerin Jennifer Weist, die Frontfrau der Band „Jennifer Rostock“, am Freitag mit „Nackt“ die fast ausverkaufte Alte Feuerwache in Mannheim.

ackt kommt sie nicht auf die Bühne, dafür in einem eng anliegenden Kleid, das zwar hochgeschlossen, knöchellang und langärmlig ist, aber an allen Enden, auf ihren Händen und Füßen sowie am Hals, Tätowierungen hervorblitzen lässt. Ihr ganzer Körper, weiß man von anderen Auftritten, ist damit überzogen. Doch auf dem Buchtitel erscheint die Autorin tatsächlich völlig davon befreit. Also, wenn auch hinter einer Jalousie halbwegs verborgen, gänzlich nackt. Bereit, sich zu offenbaren und das Innerste nach außen zu kehren. Das erst jüngst veröffentlichte Buch umfasst über 400 Seiten, und der Abend in Mannheim wird gute drei Stunden lang andauern, denn die Musikerin, die solo als „Yaenniver“ auftritt, hat viel zu berichten.

In der mehrheitlich von weiblichen Fans besuchten Feuerwache zuallererst davon, wie viel Disziplin und Geduld das Schreiben überraschend erforderte, wie kräftezehrend es war und wie falsch ihre ursprüngliche, romantische Vorstellung, sich mit freiem Blick auf eine Landschaft an ein Fenster zu setzen, eine Flasche Wein zu entkorken und einfach loszulegen. „Da geht’s um mein Leben, da ist alles wahr, da ist nichts beschönigt, und da gibt’s auch nicht immer ein Happy End“, schildert die 38-Jährige den Inhalt ihres Debüts. „Um davon schreiben zu können, musste ich noch mal dahin zurück, wo alles passiert ist, mit meinem Kopf und mit meinem Herzen, und das war manchmal ganz schön anstrengend.“

Geplant war, dass die Autobiografie etwa zeitgleich mit dem gleichnamigen, bereits 2022 veröffentlichten Album auf den Markt kommen würde. Entsprechend tragen die Kapitel die gleichen Titel wie die Songs, und bei einigen („Ich ficke jeden“) ahnt man schon vor der Lektüre, wovon sie handeln. Der erste Verlag, der Weist einen Vorschuss gezahlt hatte, lehnte das Manuskript schließlich doch ab. Aber bereits oft genug, betont die Zurückgewiesene, sei sie in der Vergangenheit zum Schweigen gebracht worden. „Mir wurde unter Androhung rechtlicher Schritte versagt, meine Wahrheit der Geschichte zu erzählen“, blickt sie zurück. Bis jetzt, da sie ein Buch in den Händen halte, das seinen Titel wahrlich verdient habe. „Und, meine Fresse, war das ein Ritt! Ich sag es ganz ehrlich, ich könnte jetzt ein Buch darüber schreiben, wie es ist, ein Buch zu schreiben. Ich hab so oft geweint, ich hab geschrien, ich hab geflucht.“

In Mannheim liest die Usedomerin daraus vor und fasst andere Erlebnisse mündlich zusammen. Von ihrer Kindheit, ersten musikalischen Schritten, einer Vergewaltigung im Alter von fünf Jahren, ist da zu hören, von Angst, Scham und Schuldgefühlen, Musik und Machtmissbrauch in der einschlägigen Industrie, Gewalt, vielen Drogenerfahrungen und noch mehr Sex. „Von guten und schlechten Zeiten, von Herausforderungen, Fehlern, schlechten Entscheidungen und schlimmen Ereignissen“, sagt Jennifer Weist selbst. Wie sie dabei rüberkommt, wenn sie so alleine im roten Sessel auf der Bühne ausführlich von sich selbst spricht, beschreibt sie tatsächlich am besten auch selbst, indem sie aufzählt: „laut, selbstbewusst, impulsiv, meinungsstark, eingebildet, anstrengend, fordernd“. Jubel und Applaus branden auf, als die Musikerin, Fernsehmoderatorin („Update Deluxe“), Unternehmerin und Autorin entschieden dazu steht, dass dies alles, genau wie die Erfahrungen, die sie in ihrer Autobiografie schildert, sie eben ausmache und zu der Frau habe werden lassen, „die ich heute bin und auf die ich sehr, sehr stolz bin und die ich sehr, sehr liebe“.

Wäre sie anders, wäre sie nur „halb so ich“, sagt sie und singt sie, an der Gitarre begleitet von ihrem Freund Elmar Weyland: „Vielleicht wär’s halb so schwer, wenn ich’n bisschen anders wär. Halb so stur, halb so stark, halb so wild und halb so hart, doch dann wär ich ja eigentlich nur halb so ich.“ Überhaupt strukturieren einige Songs von „Jennifer Rostock“, der Rockband, wie von Yaenniver, der Rapperin, den abwechslungsreichen Lese- und Akustikabend. Ganz am Schluss singt sie „Hengstin“, jenen kleinen feministischen Hit, aus dem sie vier Zeilen auch dem Buch vorangestellt hat: „Reiß dich vom Riemen, es ist nicht zu spät. Denn ein Weg entsteht erst, wenn man ihn geht.“

Yaennivers nächstes Album, „Angry Woman“, ist für Oktober angekündigt. Die dazugehörige Tour startet im November. Aber ein Buch, sagt Jennifer Weist, werde sie voraussichtlich nicht mehr schreiben.

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