Limburgerhof / Speyer
Rundgang durch verlassenes Altenheim St. Bonifatius: Wie im Horrorfilm (mit Bildergalerie)
Etwas verlassen steht er da im regnerischen Grau des Spätjanuars, der Altbau des Altenheims St. Bonifatius in Limburgerhof. Wobei Altbau so ein unschönes Wort ist. Mit etwas über 40 Lenzen auf dem Buckel wäre er als Mensch wohl in den besten Jahren. Als Immobilie aber ist offenbar das Haltbarkeitsdatum überschritten. Erst recht, wenn man Probleme mit dem Brandschutz hat.
Christian Hassa kommt aus dem Neubau heraus. Er war Leiter des Altenheims bis zu dessen Schließung. Jetzt kümmert er sich um die Einrichtungen, die in dem Gebäude neueren Datums untergebracht sind, zum Beispiel die Tagespflege. Auch Markus Anstötz ist da, um den Rundgang zu begleiten. Er ist Leiter der Abteilung Facility-Management beim Caritasverband für die Diözese Speyer, dem Träger der Einrichtung. Der Caritas gehört die Immobilie, der Kirchengemeinde das Grundstück.
Blauer Frosch schaut bedröppelt drein
Im Herbst 2024 hatte die Caritas angekündigt, den Altbau zu schließen. Zu groß seien die Brandschutzmängel. Der Aufschrei im Ort war groß, besonders im Seniorenbeirat. Geholfen hat aber auch eine Unterschriftensammlung nicht. Gebaut hat das Haus der Kreis. Die Caritas musste lediglich 15 Prozent der Bausumme bezahlen.
Auf einem Metallgitter im Schatten eines Findlings sitzt ein blauer Keramikfrosch. Er schaut ein bisschen bedröppelt drein. Vielleicht tut man sich auch leichter damit, dem Frosch das anzudichten, jetzt, da in dem Altenheim niemand mehr seinen Lebensabend verbringt.
Die automatische Tür gleitet ohne Probleme zur Seite, als wir durch den Haupteingang ins Innere des Gebäudes treten. Links stehen Möbel, an der Wand hängt ein Gemälde des Namenspatrons – St. Bonifatius. Dahinter sind die Reste des hauseigenen Friseursalons. Stühle stehen noch, Spiegel hängen an der Wand.
Rechter Hand ist noch der Schrein aufgestellt. Dort sei immer das Kondolenzbuch aufgelegt worden, wenn einer der Bewohner verstorben sei, erinnert sich Christian Hassa. „Die Menschen sind immer durch den Haupteingang reingekommen, und zum Schluss haben sie uns durch diesen auch verlassen.“
Regelmäßige Hausmeisterbegehungen
Der Hausmeister ist irgendwo im Gebäude am Werkeln. Kalt ist es nicht im aufgegebenen Altbau. Markus Anstötz berichtet von regelmäßigen Hausmeisterbegehungen, die gemacht würden. „Wir halten die Immobilie so am Leben, dass wir sie weiter nutzen könnten“, berichtet er. Die Caritas selbst allerdings wird das wohl eher nicht sein. Aber es gebe Gespräche über eine Weiternutzung, sagt Anstötz.
Zielgerichtet biegt er nach links ab. Die beiden Ortskundigen übernehmen die Führung. Anstötz klopft gegen eine Scheibe, die den Friseursalon vom Gang trennt. Auch diese Scheibe sei bei der Gefahrenverhütungsschau bemängelt worden. Sie entspreche nicht den entsprechenden Bestimmungen.
Christian Hassa steuert den ehemaligen Speisesaal mit Blick auf den Innenhof an. Etliche Möbel stehen noch hier – Tische, Stühle. Fast könnte man meinen, dass jeden Moment Menschen hereinkommen, um sich hinzusetzen und das Mittagessen einzunehmen oder eine Tasse Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Aber das wird nicht passieren. Sämtliche Bewohner sind schon lange in anderen Einrichtungen untergebracht worden.
Hassa: Sehr intensive Zeit
„Es war eine sehr intensive Zeit“, sagt Christian Hassa in Erinnerung an die Jahre im St. Bonifatius. Eine Zeit, in der alle versucht hätten, den bestmöglichen Job abzuliefern. Die über 100 Mitarbeiter seien zum größten Teil nach Wunsch in andere Einrichtungen gekommen.
Ein direkter Durchgang vom Speisesaal führt in die kleine Kapelle. Am Kreuz sieht es so aus, als ob Jesus mit dem Haus mitleidet. „Der Saal war jeden Sonntag voll“, sagt Hassa. Und bei großen Festen habe man die mobile Trennwand zurückgefahren und den Speisesaal mitgenutzt. Auch in der Kapelle steht noch jede Menge Mobiliar. Was damit wohl passiert? „Bisweilen melden sich Kollegen, wenn sie etwas brauchen“, sagt Hassa. „Wir versuchen, die Möbel auf andere Caritas-Einrichtungen zu verteilen“, ergänzt Markus Anstötz.
14 Jahre lang sei er hier im Altenheim tätig gewesen, sinniert Hassa. „Das Haus war voll. Hier war Leben. Es war wie ein kleines Dorf. Wir hatten Veranstaltungen wie Fasnacht oder Weihnachten, da hatten wir 200 Menschen hier.“ Jetzt, beim Gang durch die leeren Räume seien die Erinnerungen noch frisch. „Die Schließung ist zu kurz her, um die Bilder der letzten Jahre zu vergessen“, sagt Hassa.
Küche ausgebaut
Direkt hinter dem Speisesaal beginnt der Bereich von Wohngruppe A, wie es damals hieß. Deren Küche im Erdgeschoss habe man ausgebaut, erklärt Anstötz. Sie wurde in einer anderen Caritaseinrichtung gebraucht.
Christian Hassa öffnet ein Zimmer, in dem vor nicht allzu langer Zeit noch jemand gewohnt hat. Ein Einzelzimmer. „Jedes Zimmer hat eine Terrasse oder einen Balkon. Die Zimmer sind etwa 30 Quadratmeter groß“, erläutert Hassa. Bei einem Altenheimneubau seien die Zimmer nur noch halb so groß. Aber das entspreche den Vorschriften, sagen Hassa und Anstötz.
Draußen im ehemaligen Aufenthaltsbereich stehen weitere Möbel herum. Wagen, in denen einmal das Essen transportiert wurde oder mit denen die Bewohner vielleicht mit Medikamenten versorgt wurden. Am Notausgang liegen ein paar welke Blätter auf dem Boden. An den Scheiben haben sich ein paar Schmierfinken „künstlerisch“ betätigt. Ansonsten gebe es aber keine Probleme mit Vandalismus, sagt Hassa.
Super Setting für einen Horrorfilm
Je tiefer man in das leere Gebäude vordringt, desto froher kann man sein, wenn man sich hier nicht alleine rumtreiben muss. Der St. Bonifatius-Altbau böte ein tolles Setting für einen Horrorfilm. Ein kurzer Blick zu Markus Anstötz. Er schüttelt mit einem Grinsen den Kopf. Nein, es habe weder eine entsprechende Anfrage gegeben, noch denke man daran, das St. Bonifatius entsprechend zu vermarkten.
Großzügige Allgemeinflächen, wie hier im Erdgeschoss, gäbe es in Altenheimen neueren Datums ebenfalls nicht mehr, erklärt Anstötz. Jeder Quadratmeter ist eben teuer. Christian Hassa betätigt aus Versehen die Klingel eines Zimmers statt des Lichtschalters. Der durchdringende Ton lässt einen kurz erschrecken. Aber die Klingel funktioniert ebenso noch wie offenbar der Rauchabzug. Jedenfalls brennt die Leuchte an dem kleinen Kasten im Treppenhaus grün.
Doch auf absehbare Zeit wird auch dieses Licht erlöschen. „Wir machen den Neubau komplett autark“, sagt Anstötz. „Wenn wir damit soweit sind, haben wir die Genehmigung, den Rauchabzug auszuschalten.“ Durch die Tür geht’s zu den Zimmern im ersten Stock. Und gleichzeitig in einen der kritischsten Bereiche, wie Hassa sagt. Für ein Laienauge sieht die ehemalige Fläche für die Allgemeinheit gar nicht so schlimm aus. An den Wänden hängen noch ein paar Erinnerungsstücke. Sie bleiben wohl dort, bis klar ist, was mit dem Bau weiter passiert. Sitzgarnituren hätten früher hier gestanden. Aus Behördensicht: Brandlast im Fluchtweg. Sie mussten weg.
Aufenthaltsraum „kritisch“
Die Doppelzimmer hier seien etwas kleiner bemessen gewesen, sagt er. In einem Neubau veranschlage man dafür 20 Quadratmeter. Auf Höhe des Stationszimmers zeigt er auf die Glasscheibe. Auch diese sei bemängelt worden. Die Alternative? Entweder austauschen oder eine Wand hochziehen. Im Stationszimmer stehen sogar noch ein paar Ordner. Offenbar vermisst diese niemand.
Christian Hassa benutzt wieder den Begriff „kritisch“, als es zum Aufenthaltsraum geht. „Dieser ist damals per Sofortverfügung dicht gemacht worden“, erläutert Anstötz. Es sei der einzige Raum gewesen, den dieses Schicksal ereilt habe. „Kein Fluchtweg.“ Es habe einen Termin mit der lokalen Freiwilligen Feuerwehr gegeben, diese habe versichert, dass man im Notfall die Menschen mit der Drehleiter bergen könne.
Regelmäßige Übungen der Feuerwehr
Christian Hassa berichtet von Begehungen, die einmal pro Jahr stattgefunden hätten. Mit internen Brandschutzbeauftragten. Und die Feuerwehr habe hier regelmäßig geübt. „Die Feuerwehr war da. Jedes Zimmer wurde angefahren, um zu schauen, ob eine Rettung möglich ist. Die Feuerwehr hat jedes Zimmer erreicht“, sagt Anstötz. Hätte das nicht geklappt, hätte man das Gebäude sofort räumen lassen müssen.
Das Problem endet an der Brandschutztür zum nächsten Gang. Und doch auch wieder irgendwie nicht. Anstötz deutet zu den großen Rohren an der Decke. „Das ist der große Brocken.“ Im wörtlichen Sinne. Die Lüftungskanäle seien so konstruiert, dass es im Falle eines Feuers zu einer Verrauchung des gesamten Gebäudes hätte kommen können.
Christian Hassa öffnet das „Notfallzimmer“. Hier habe man Menschen untergebracht, die man immer wieder spontan habe aufnehmen müssen. Abends, am Wochenende. Die Original-Küche aus der Zeit der Erbauung ist noch drin. Ob die Kochplatten noch funktionieren? Bestimmt.
Bis zu 300 Mittagessen pro Tag
Doch kochen habe im St. Bonifatius niemand müssen. 250 bis 300 Mittagessen habe man in der Küche im Keller jeden Tag produziert. Auch die Wäscherei sei dort unten beheimatet gewesen. Und die Technikräume.
„Es ist beklemmend, durch ein leeres Altenheim zu gehen“, gesteht Markus Anstötz. Er mache sich viele Gedanken darüber, wie die Caritas die Chance bekomme, das Gebäude wieder ins Leben zurückzurufen. Gibt es die Chance? „Ich glaube ja“, betont er mit fester Stimme. In welche Richtung? „Irgendwas zwischen Altenhilfe und Wohnen.“
Für Christian Hassa geht die Beziehung zu der Immobilie etwas weiter. „Für mich ist jeder Raum mit Leben gefüllt worden. In jedem Raum sehe ich noch Gesichter von Menschen, die hier entweder gelebt oder gearbeitet haben.“ Es sei extrem bedauerlich, dass man keinen Weg gefunden habe, die Einrichtung weiterzuführen, meint Anstötz.
Betten auf dem Flur
Auf den Gängen stehen zum Teil noch Betten. Auch sie warten darauf, dass sie irgendwo in einer anderen Caritaseinrichtung benötigt werden. „Wir waren immer zu 99 Prozent plus X ausgelastet“, sagt Christian Hassa.
Wir sind mittlerweile im Keller angekommen. Hier gibt’s noch mehr klassische Räume für einen Horrorstreifen. Die Großküche zum Beispiel mit ihren Edelstahlgeräten, oder die Technikräume mit all den Winkeln und den riesigen Leitungen. Der ehemalige Aussegnungsraum befindet sich hinter einer der Türen. Auch der Katastrophenschutzbunker des Rhein-Pfalz-Kreises ist hier unten. Wenn man sich nicht so gut auskennt wie Christian Hassa oder Markus Anstötz, kann man sich leicht verlaufen.
Das passiert uns an diesem grauen und regnerischen Januar-Nachmittag aber nicht. Zielsicher steuern Hassa und Anstötz die Treppe zum Erdgeschoss an. Im Eingangsbereich stehen sie noch, die Sitzgarnituren in roter Lederoptik. Hier haben sich laut Hassa viele Bewohner gerne getroffen und unterhalten. Vielleicht, als sie darauf gewartet haben, bis sie beim Friseur ein paar Meter weiter dran waren. Oder vielleicht, um in Erinnerungen zu schwelgen, wenn einer ihrer Mitbewohner gestorben war. Ein paar Meter weiter steht noch der Schrein, wo das Kondolenzbuch früher aufgelegt war. Als wir wieder durch die automatische Tür ins Freie gehen, sitzt er noch da, der blaue Keramikfrosch. Seine Miene hat sich nicht aufgehellt.