Ludwigshafen Auto weg in Rom und und das Elfer-Geheimnis von 1990: Rudi Völler blickt auf seine Karriere zurück
Neulich philosophierte ich mit meinem besten Kumpel mal wieder am Tresen unserer Stammkneipe über Fußball. Wer wohl die zehn besten Spieler aller Zeiten unserer Generation waren? Über Platz eins bis drei waren wir Mittfünfziger uns nach dem dritten Bier und dem vierten Espresso schnell einig: Maradona, Messi, Zidane. Der „Bomber“, Gerd Müller, muss natürlich irgendwo dahinter auch in die Top Ten, der portugiesische und der brasilianische Ronaldo sowieso.
Nicht in unseren erlesenen Kreis schaffte es Rudi Völler. Wäre es um die Rangfolge der kickenden Sympathieträger gegangen – „Tante Käthe“ wäre bei uns gesetzt und läge ganz weit vorne. Ob als Angreifer, Übungsleiter oder Funktionär: Der seit 13. April 64-Jährige gab und gibt fast durchweg eine gute Figur ab. Mit seiner Weißbier-Wutrede hat er sich spätestens 2003 – damals als Bundestrainer – unsterblich gemacht. Das Interview mit Sportreporter Waldemar Hartmann nach der 0:0-Gurkerei auf Island ist eine Sternstunde der Berichterstattung. Sagen wir es mal so: Rudi in Rage hat dem kultigen, aber oft selbstgefälligen Waldi richtig einen eingeschenkt. Volltreffer. Prost.
Eisenfuß und Vokuhila-Knipser
Der Eindruck, dass „Rudi nationale“ eine Marke, aber trotzdem bescheiden und nahbar geblieben ist, verfestigte sich zuletzt. Denn mein Thekenbruder – früher selbst ein ausgezeichneter Mittelstürmer, heute bei einem großen Elektronikkonzern beschäftigt – nutzte bei einem Marketingtermin die Chance für einen Plausch mit dem treffsicheren und einst pfeilschnellen Vokuhila-Knipser. In 90 Länderspielen netzte der Weltmeister von 1990 immerhin stolze 47 Mal ein.
Beide waren früher als vereinbart zu dem Essen gekommen. Und bevor der Rest der Gäste eintraf, plauderte Rudi aus dem Nähkästchen seiner beeindruckenden Karriere, die als Aktiver 1968 beim TSV 1860 Hanau begann und über die Stationen Kickers Offenbach, TSV 1860 München, Werder Bremen, AS Rom und Olympique Marseille (1993 Champion-League-Gewinner) mit Hochspannung endete: 1996 bei Bayer Leverkusen. Gegen den 1. FC Kaiserslautern sicherte die Werkself den Klassenerhalt, die Pfälzer stiegen ab. Unvergessen: Völler tröstete den weinenden Andi Brehme. 2002 führte Völler die Nationalelf dann als musikalisch gefeierter Teamchef („Es gibt nur einen Rudi Völler“) sensationell zum Vize-WM-Titel. Seit Februar 2023 ist er Sportdirektor der unter Julian Nagelsmann wieder aufblühenden Mannschaft.
Ein Thema am Tisch war logischerweise auch der umstrittene Strafstoß im WM-Finale 1990, der Franz Beckenbauers Formation dank Brehmes Präzision in der 85. Minute zum 1:0-Sieg verhalf. War’s tatsächlich ein Elfer? Rudi trocken und augenzwinkernd: „Wenn ich falle, dann ist es immer ein Foul.“ Den mexikanischen Schiri, Edgardo Codesal Mendez, traf er über ein Jahrzehnt danach zufällig in einer Bar wieder – und hakte selbst noch einmal neugierig nach, warum dieser die Attacke von Roberto Sensini ahndete. Antwort des Ex-Referees, so schilderte es Völler amüsiert. „Die Argentinier haben nur getreten, irgendwann hat’s mir gereicht.“
Bedient war auch Völler – zunächst im Achtelfinale im Mailänder San-Siro-Stadion, als der Niederländer Frank Rijkaard das Lama gab, Völler in die Locken spuckte, aber beide „Rot“ sahen. Und dann ein zweites Mal während seiner Zeit in Rom (1987 bis 1992). Denn plötzlich war sein silberfarbener Kombi weg – gestohlen.
Das italienische Gastspiel sei dennoch einer der schönsten Abschnitte seiner Profi-Laufbahn gewesen, berichtete Völler. Ein Grund dafür: Die Fans, die Tifosi, seien total fußballverrückt. Bis heute könne er nicht unerkannt durch Rom spazieren. Jeder Taxifahrer erkenne ihn sofort. Die Autodiebe allerdings wussten bei der Tat wohl nicht, wem sie da den Wagen stibitzt hatten. Irgendwann dämmerte es ihnen offenbar. Wenige Tage nach dem Klau stand der Mercedes um die Ecke von Völlers Haus. Die Carabinieri öffneten die Tür – und das Handschuhfach. Darin lag ein Zettel mit einer Aufschrift, die Völler um Verzeihung bat: „Scusi Rudi!“
Und was unterscheidet den Fußball damals und heute? „Nicht das Geld, wir haben auch gut verdient“, sagt die ehemalige Nummer 9. Inzwischen seien die Rasen überall gepflegter und professioneller bespielbar, aber vor allem: Die Stürmer würden besser geschützt, grobe Grätschen härter bestraft. Als flinker Angreifer sei man früher wie Freiwild auf dem Platz gejagt worden.
Treter mit dem Engelsgesicht
Der unangenehmste Jäger war für ihn erstaunlicherweise weder ein italienischer noch ein spanischer Verteidiger, die für ihr rustikales Einsteigen berühmt-berüchtigt waren, sondern ein Kollege aus der DFB-Elf: Karlheinz Förster, Vorstopper-Ikone des VfB Stuttgart, heute 66 und Spielerberberater. Sein Spitzname: Treter mit dem Engelsgesicht – obwohl er nur einmal den roten Karton sah.
Försters Länderspielbilanz: 81 Einsätze, zwei Tore, Europameister 1980. Was viele nicht wissen: 1982 war der Eisenfuß sogar Fußballer des Jahres. Sein Nachfolger hieß – genau: Rudi Völler. Nüchtern und nicht nachtragend: So kommentiert er heute mit Abstand den Spuck-Eklat von 1990. „Ist halt passiert, fertig, vorbei.“
Meinem Kumpel signierte er zum krönenden Abschluss noch zwei Roma-Shirts mit Wolf-Emblem. Eins davon ging an mich. Rudi gerahmt. Meine Sternstunde der Völlerei.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.